Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 507 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nachwort des Herausgebers. 607 Wandlungen unserer Zeit zügeln und leiten könnten. Das Urteil auch grosser Männer kann nicht massgebend sein, sobald sie den Fragen der Zeit aus Mangel an Kenntnissen verständnislos gegenüberstehen. Auch in der Vergangenheit haben unsere Grössten zuweilen geirrt, wenn sie glaubten, der Erhaltung des Judentums dadurch zu dienen, dass sie alles im altgewohnten Gleise Hessen und denen, die das Heiligtum mit anderen der Zeit angepassten Mitteln zu schützen suchten, entgegentraten. Demgemäss wird jedem, der Verantwortungsgefühl besitzt, der diese für das Sein des Judentums wichtigste Fragen nicht unter dem Gesichtspunkt einer Parteisache betrachtet, die Entscheidung unendlich schwer fällen. Sie wird nur zu lösen sein von Männern, denen einerseits die Erhaltung der Reinheit unserer Lehre und die Rettung einer möglichst grossen Zahl für das Leben im überlieferten Judentum allerletztes und höchstes Ziel ist. denen die Pflege der Wissenschaft auch nicht Selbstzweck, die aber andererseits den offenen Blick für die Nöte der Zeit besitzen, aus eigener Kenntnis der Sachlage heraus und freilieh auch aus der Vertrautheit mit den Problemen im Stande sind, abzuwägen, welcher Weg von den beiden möglichen der richtige ist, welcher die Rettung verbürgt. Für das westeuropäische Judentum kann der Weg nicht zwreifelhaft sein. Denn er ist durch die Wirklichkeit der Tatsachen bereits entschieden. Es ist in die europäische Kultur einbezogen und eine Loslösung von dieser nur nach der Radikalkur denkbar, die Ahron Marcus זצ״ל vornahm, der, ein Hamburger Kind, alle Brücken abbrach, nach Galizien ging, den langen Rock mit allem, was dazu gehörte, annahm und seine Kinder im Mamme-Loschaun erzog. (Nebenbei sei bemerkt, dass Ahron Marcus seine bedeutenden apologetischen Werke, die noch jetzt eine Fundgrube für Lösungen mannigfachster Probleme sind, nur auf Grund seiner Vertrautheit mit wissenschaftlichen Disciplinen hat verfassen können. Vgl. über ihn Dr. Julius Möller, Ahron Marcus, Jeschurun IV S. 104—160 u. S. 24S—252.) Aber diesen Weg werden wenige einschlagen. Für die Gesamtheit auch nur der Bekenner des thoratreuen Judentums ist er nicht gangbar. So wird es bei dem Weg bleiben müssen, den S. R. Hirsch und Hildesheimer vorgezeiehnet haben, beide von dem gleichen Feuer durchglüht, der Erhaltung des Judentums zu dienen, beide ihrer Individualität entsprechend mit verschiedenen Mitteln ihrem Zwecke dienend, beide aber das eine Ziel unverrückbar im Auge, dem Judentum in dem Milien, in das uns nun einmal die göttliche Vorsehung nach ihrem unerforschlichen Plane hineingestellt, eine leidliche Wohnstätte zu errichten. Es ist töricht, die grossen Männer für die Entwicklung verantwortlich zu machen, die sich aus der von ihnen angegebenen Zielsetzung vielfach ergehen,