Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 506 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2293003--04563-2297845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
106 Nachwort des Herausgebers. Dazu kam, dass Aristoteles mehr als ein Jahrtausend die Alleinherrschaft besass, man immer wieder sich mit einem geschlossenen System, einer Gruppe von unwandelbaren Wahrheiten auseinanderzusetzen hatte, das eigentliche Prinzip der modernen Wissenschaft aber, nach der die Erkenntnis der Wahrheit sich wandelt, je nach den neuen Entdeckungen, die den Ausblick des Menschengeistes erweitern, völlig unbekannt war. So hat sich die Aufgabe, die unsere Vorfahren ver* hältnismässigleicht losen zu können glaubten, ausserordentlich kompliziert. Die gewaltigen Fortschritte, die die Natur- und Geisteswissenschaften zu verzeichnen haben, stellen uns vor immer neue Fragen, deren Beantwortung nicht durch Lösungen allgemein reiigionsphiiosopbischer Natur zu geben sind. Es ist daher verständlich, dass angesichts des Umstandes, dass an einen restlosen Ausgleich doch schwer zu denken ist, die Meinung aufkommen konnte, die ausgleichende Arbeit wäre doch zwecklos, und jede Beschäftigung mit diesen Fragen sei abzulehnen. Zumal sie noch Gefahren in sich birgt: das Mass von Zeit, das für die Vertiefung in die Quellen und für die Erfassung des Judentums zur Verfügung steht, zu absorbieren und die noch grössere, den in seiner Treue zur Ueberlieferun'g noch nicht Gefestigten auf Abwege zu führen. Das nicht abzuweisende Streben, mit den Problemen sich auseinanderzusetzen, das bei jeder irgendwie über den Durchschnitt hervorragenden Persönlichkeit immer wieder hervorbrieht und bei der ausschliesslichen Beschäftigung mit der Halacha kein Genüge findet, ־wird neutralisiert durch eine gesteigerte Betätigung des Fühlens oder Wollens, wTie sie einerseits bei den Chassidim andererseits bei den Mussernicks in sich geschlossene und reife Individualitäten gestaltet. Aber auf der anderen Seite: Die völlige Ablehnung Wissenschaftlicher Durchforschung der Probleme, die das Judentum und seine Quellenschriften dem denkenden Menschen aufgeben, gewährt keinen Schutz für die Erhaltung unseres heiligen Gutes. Die völlige Ab- Schliessung ist nicht durchzuführen, jeder Luftzug, der von aussen kommt, droht bei dem völlig Unvorbereiteten das ganze Gebäude seiner nur auf die Ueberlieferung gestützten Ueberzeugungen umzuwerfen und wandelt fast immer die fähigsten und hoffnungsvollsten Jünger der Thora in erbitterte Gegner des thoratreuen Judentums um. Vor allem fehlt es dann bald an geeigneten Führern, die in einer Zeit der Gärungen den in die allgemeine Kultur einbezogenen Massen die Wege weisen können. Dieser Vorgang hat sich oft in der jüdischen Geschichte vollzogen im Grossen und Kleinen. Er ist die grosse Sorge, die uns jetzt für den Osten erfüllt, wt0 die Jugend in erschreckender Weise ihre eigenen verderblichen Wege geht. Und das nur deshalb, weil es an Männern fehlt, die sie in den stürmischen Erregungen und