Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1920-11-01 · Heft 11-12 (November 1920) · p. Seite 502

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 11-12 (November 1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2292929-2292996-2293003--04559-2297841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

602 Thora und Yv is0en8chafi. schaft und Erkenntnis geweckt; aber es ist ihr nicht gelungen, allumfassende Gerechtigkeit und Liebe, Wahrheit und Sittenreinheit als die Grundlage des Einzel-, Familien- und Staatslebens hinzustellen, die allein das Heil der Gesamtmenschheit schon in dieser Welt herbeizuführen im Stande ist. Ja, der Hellenismus musste es erleben, dass er zur Zeit seiner Entartung selbst zum Diener Kanaans herabgewürdigt wurde, Bildung und Wissenschaft nur soweit Beachtung fanden, als sie zur Erreichung und Sicherung materieller Zwecke führten und Besitz und Genuss verschafften. Erst der semitischen Lehre war es Vorbehalten, den Namen des Einig-Einzigen auszurufen, die Welt und die Menschheit als die Schöpfung einer allweisen, allmächtigen, allgerechten, allliebenden und allheiligen Gottheit zu erklären, der die Gesamtmenschheit in Willensfreiheit und Gottesebenbildlichkeit zu dienen und nachzuwandeln bestimmt ist, der Menschenwelt die Gebote zu verkünden: seid heilig und sittenrein wie Gott, seid wahr, gerecht und liebevoll wie Gott, lebet zum göttlichen Wohlgefallen; dann wird Gott in eurer Mitte wohnen und euch ewiges Heil spenden. Diese Sätze allein vermögen die kanaanitische Lebensanschauung gänzlich zu bezwingen. Die kanaanitischen Triebe und Neigungen im Menschen werden selbst in den Dienst des Idealen und Heiligen gestellt, Kanaan erreicht seine Bestimmung, indem er Schern und Jephet als Knecht dient. Die Probe auf dieses Exempel hat das Judentum im Mittelalter geliefert. Abgeschlossen und ausgeschlossen von aller äusseren Kultur hat das Judentum stets durch seine eigene Kraft die kanaanitische Rohheit und Sittenlosigkeit überwunden. Mit Stolz und Begeisterung blicken wir auf unsere Grosseltern und Urgrosseltern, auf ihr reines Familienleben, auf ihre Selbstbeherrschung, auf ihre Gottestreue und Gottvertrauen, auf ihre grenzenlose Opferwilligkeit und Wohltätigkeit, auf ihre vielfachen Tugenden, die wir mit Schmerz in unserer Zeit vermissen. Wohl hatten unsere Ahnen auch ihre Fehler, aber mit Recht behauptet einer unserer grössten Rabbiner: ״Alle Gebrechen unserer Ahnen im Mittelalter lagen in der Zeit, alle ihr#

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.