Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 475

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 475 (sequence 59)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2292929-2292996-2293002--04506-2297788
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Tohuwabohu. 475 Niederganges. Blutbäder, die wie in der Ukraine an Umfang und Grausamkeit mit dem Massstab der Verfolgungen der Kreuz■״ züge, des schwarzen Todes, der Chmelnicki zu messen sind und Feste, an denen die Grössten der Erde dem Stamme Juda ihre Huldigungen zu Füssen legen. Und im Innern ein Abbild des allgemeinen Chaos: die Jungen gegen die Alten, Assimilation gegen Traditionstreue, hie Beiigion, hie Volkstum, Hebraisten und Jiddischisten, Altchassidismus ,und Neuchassidismus, Zionisten, Misrachisten, Aguddisten, jede Gruppe mit ihren Verzweigungen, alle mannigfaltigen Formen des Kulturzionismus; diese Bewegungen durchkreuzend und zu neuen Verbindungen gestaltenä Demokratie, Sozialismus und Kommunismus innerhalb des Judentums. In diesen Wirbeltanz chaotischer Zustände und Erregungen sind wir hineingerissen und sie ennvirrt oder doch mit der Kraft des Dichters in ihren grandiosen Ausmassen gezeichnet zu sehen, erwarten wir in einem Werk Tohawabobu, das in den Abgrund des Chaos zu leuchten verspricht. Der Roman spielt aber in der Zeit vor dem Weltkriege, und darum kann diese kleine und kleinliche Welt, die sich da vor uns auftut, nicht das Innerste in uns aufrühren. Wir haben zuviel erlebt, wir sind zu lange gewandelt durch das Tal des Todesschattens, wir sind so oft geschüttelt worden von Schrecken und Todesgrauen, unsere Nerven sind so abgestumpft, unser Seelenleben zu sehr an die gewaltigen Antithesen der Wirklichkeit gewöhnt, als dass die Problemstellungen und die Milieuschilderungen der Vorkriegszeit von uns noch mit warmem Interesse aufgenommen werden könnten. Nicht den Vf. triftt die Schuld, wenn ein Werk, das er in früherer Zeit koncipiert hat, durch eine Weltumwälzung ohne Gleichen an Wirkung einbüsst. Es ist aber nun einmal nicht zu ändern, dass wir durch die letzten sechs Jahre vielleicht um ebensoviel Jahrzehnte gealtert sind. Nicht der Titel, der eben zu anspruchsvoll wäre, ist das Entscheidende. Das Ganze mutet uns veraltet an. Denn es sind die ideengäLge und Beweisführungen der vor dem Kriege tonangebenden zionistischen Wochenschrift ״Die Welt״, die der Vf. uns unterbreitet, aus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.