Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 451 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2293002--04482-2297764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schlimme Legendengebilde über R. Meir. 451 meinde, in der R. Meir gewiss seine Freunde hatte, die er ins Vertrauen gezogen, und die daher an seinem Verkehr in jenem -Stadtkreis keinen Anstoss nahmen, wie auch nicht an der Begegnung auf der Strasse, die er ertragen musste, wenn er nicht seinen Feinden ausgeliefert und seine Bemühungen um die Rettung seiner Schwägerin hätte vereitelt werden sollen. Aber es gab auch viele Juden dort, die ihn nicht kannten, aber gehört hatten, dass ein bedeutender Mann aus Palästina dort sei, ihn gelegentlich sahen und ihn an dem an den Toren angebrachten Bilde erkannten. Diesen musste der Aufenthalt an dem verrufenen Orte auffallend erscheinen, sie erzählten wohl davon Bekannten, die aus Palästina nach Rom in geschäftlichen Angelegenheiten kamen, denn der Verkehr zwischen den beiden Gegenden war sehr gross, und werden wohl mit eindeutigen oder zweideutigen Bemerkungen ihre Mitteilungen gewürzt haben. Das Mitgeteilte wurde weitergetragen, jeder setzte auch sein Teilchen dazu, und so entstand dann schliesslich ein erschreckendes Gebilde. Denn wann arbeitet die boshafie Nachrede eifriger, als wenn es gilt, einen grossen Mann in den Staub zu ziehen und ihn mit Schmutz zu bewerfen? In dem Gedanken: Du bist nicht besser als andere! muss ein Gefühl grosser Genugtuung für niedere Seelen liegen. Dass auch sein Zerwürfnis mit dem Patriarchen seine Person als vogelfrei erschienen liess, mag auch für diese Lügen den Boden günstig vorbereitet, haben. Und in der Tat scheint es den Verleumdungen gelungen zu sein, in gewissen Volksschichten ein grosses Misstrauen gegen R. Meir zu erregen, das die Männer bewog, ihre Frauen vor dessen Vorträgen, die sicherlich auf diese eine grosse Anziehung durch die Anwendung von Fabeln übten, die ihm in reichlichen Masse zu Gebot standen, zu warnen. Sie fürchteten seinen Einfluss auf sie in sittlicher Beziehung, Eifersucht auf ihn plagte sie, wie folgende merkwürdige Talmudstelle, bezeugt. Jerusch. Sota I, 5 (vgl. auch Vajikra r. IX, 9) wird erzählt, R. Meir habe an Freitagnachmittagen Vorträge gehalten; einmal habe sich ein Vortrag so lange hingezogen, dass eine Zuhörerin sich verspätet habe und erst nach Hause gekommen sei, als die Lichter schon