Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 438 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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438 Ein Kampf um Gott. HeinrichThorning heisst der Träger der Handlung, wofern von einer Handlung in diesem Bekenntnis-Buche die Rede sein kann. Thorning ist der Typus des heranwachsenden Jünglings aus jüdischem Hause, in dessen Adern sich das Blut strenggläubiger Vorfahren mit dem eines neumodischen assimilatorischen Geschlechtes mischt. Schon im Elternhause schwankt die Seele des Knaben zwischen den zwei gegensätzlichen Einflüssen. Der Konfliktstoff mehrt sich mit den Jahren des Sturms und Drangs und drängt auf der Universität zu einer Entladung. Aber noch viel, viel andere Gegensatzpaare sollen sich in unserem Heinrich kreuzen und mit der wachsenden Entfaltung und an־ gestrebten Klärung zu einer Entscheidung führen: Seele und I c h h e i t ist ein anderer Gegensatz, der in Heinrichs Brust seine Stätte findet. Seele und Ichheit kämpfen um die Herrschaft. Die Seele stammt von Gott, steht über Raum und Zeit, ist erhaben, ist unveränderlich gross. Die Ichheit, das ist das Körperliche im Menschen, das Ergebnis der ihm vorausgegangenen Menschengeschlechter,. ist sündenverstrickt, beschwert mit Begierden früherer Ahnenreihen. Die Seele ist frei, selbstwillig, bewirkt im Menschen das Sollen; die Ichheit ist unfrei, ist das Sein, erdbeschwert; aus dem Kraft Verhältnis dieser beiden Anlagen des Menschen untereinander erwächst das, was wir Persönlichkeit neunen. (Uns kommt diese ganze Gelehrsamkeit so bekannt vor: Der Jezer Hora und Jezer Tauw, diese zwei Figuren unserer alten Homiletiker, besagt ziemlich dasselbe in schlichteren Worten). Welche der beiden Kräfte gewinnt im Menschen die Oberhand? Diejenige, die durch Geburt, Abstammung, Ur- und Bildungselemente die Vorherrschaft im Menschen hat. Also ist der Mensch in seinen Entschlüssen und Handlungen frei, oder durch Herkunft, Abstammung, Milieu u. 8. w. determiniert? Zwingt ihn das Uebergewicht seiner ererbten Ichheit zu der bösen oder seine grössere seelische Potenz zu der guten Handlung? Und wie ist es dann mit der V erantwortung? Schwere Doktorfrage, die schon mehr als ein, zwei, drei, vier Fakultäten beschäftigt hat, und die durch Breuers Buch um