Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 425 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Gewissen. 425 dass das Gebet ובכן תן פחדך ה׳ אלקינו על בל מעשיך noch immer nicht Erhörung gefunden, dass die Herrlichkeit Gottes noch immer nicht erkannt und die eine Menschheit, die den einen Gott verehrt und Seinen Willen übt, noch immer nicht Wirklichkeit geworden. Werden wir beten mit heissem Herzen und leidenschaftlichem Sinnen? Werden wir, die wir uns noch in Sicherheit wiegen, die wir noch nicht ein Tausendstel jenes Leides erfahren, die Tore der Tränen öffnen im אבער מלכנו, dessen Einzelsätze, die die Rettung vor unseren Feinden erflehen, wir in ihrer erschütternden Bedeutung durch die Ereignisse der letzten Zeit doch begreifen gelernt? Man spricht heute so viel von Einfühlung. Wollen wir uns nicht einfühlen in die Empfindungen jener Mütter, die gezwungen wurden, ihre Kinder mit eigenen Händen zu erdrosseln, lebendig zu begraben, das Blut der zuckenden Leiber zu trinken, nicht einfühlen in das Empfinden des Rabbiners, dem man die achtzig ab geschnittenen Kinderköpfe brachte? Wir wollen nicht daran erinnert sein?! Es ist zuviel des Grauens?! Aber wir sollen daran denken, wenn wir um die Wendung unseres Geschickes flehen zu unserem Vater, unserem König, wir sollen jene Bilder vor uns aufsteigen lassen, wenn am Jomkippur nach der עבודה die Klage anhebt um das, was das jüdische Volk seit der Zerstörung des Tempels . gelitten, wir sollen im נתנה תקף uns dessen bewusst werden, dass wir noch viel, viel Grausigeres erlebt, als was der Dichter an Todesmöglichkeiten und Schicksalsschlägen erdacht. Vielleicht, dass wir umkehren von unseren schlimmen Wegen, von der Selbstsucht, mit der wir nur den Interessen des eigenen Ich dahingegeben, von der Gottentfremdung, die wir nur bei dem anderen sehen, die uns aber alle erfasst hat, vielleicht, dass wir der Einheit von אורייתא קודשא ברייך הוא וישראל wieder vollends inne werden, der Einheit der Thora, der Gottheit und Israels, dass in Erfüllung gehe die Verkündung ותשובה ותפלה וצדקה מעבירין את רוע הגזיה die Rückkehr zur Thora, das hingebungsvolle Gebet an Gott und die werktätige Hilfe an dem Gottesvolk, sie allein in unlöslicher Verbindung brechen das beschlossene Verhängnis und führen mit dem glücklichen Wandel unseres Geschickes auch die Welt der Vollendung entgegen. J. W.