Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2293002--04455-2297737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
424 Das jüdische Gewissen. einem Minjan von Gästen zu begnügen und die heute besonders hohen Kosten eines reichen Festmahls restlos dem Hilfswerk zuzuführen. Und endlich die seelische Tätigkeit wäre ausschliesslich einzustellen auf die Sorge, wie schützen wir unsere Brüder allerorten vor einem ähnlichen Geschick? Wenn die gewaltige Propagandatätigkeit, die in jüdischen Kreisen Woche für Woche und Tag für Tag für alle möglichen Zwecke, und seien es auch die edelsten, entfaltet wird, zu bestimmten Zeiten auf den einen Brennpunkt gesammelt würde, wenn unsere Ge־ lehrten, Denker und Dichter, die das Ohr der nichtjüdischen Welt haben, nicht müde würden, auf diese ungeheuerlichste Verletzung der Menschenrechte hinzuweisen, wenn die Zionisten, die immerhin eine einflussreiche Weltvertretung haben, über die doch in sehr weitem Felde liegenden Zukunftshoifnungen in ארץ ישראל nicht die furchtbare Galuthnot vergässen, wenn sie nicht um anderer Ziele willen, etwa um es mit den Engländern nicht zu verderben, Rücksicht nähmen, wenn alle es ohne Unterlass hinausschreien würden, dass jedem, der es hört, die Ohren gellen, wenn sie den durch ihre stillschweigende Unterstützung Schuldigen die Maske von dem heuchlerischen Antlitz rissen, wer weiss: die Völker und ihre Führer, die immer wenigstens den Schein der Gerechtigkeit gewahrt wissen wollen, ,würden vielleicht auch die Judenpogroms und vor allem die entsetzlichsten Greuel dem Urteil des Völkerbundes unterbreiten und Vorkehrungen treffen, dass die Verbrechen gegen das Welt ge wissen, wie sie in diesen die Menschheit schändenden Taten begangen worden, nicht minder scharf geahndet werden wie ein vom Zaun gebrochener Krieg. Aber das ganze Herz und das ganze Vermögen und die ganze Seele muss bereit sein. Freilich auf Menschenhilfe bauen?! Es bleibt immer die letzte Wahrheit: Vertrauet nicht den Grossen, bei denen doch keine Hilfe! Es nahen wieder die furchtbaren Tage, da jeder dem Walten der Gottheit mit banger Ahnung entgegensieht. Sie Avaren immer zugleich der Erinnerung an das Schicksal Israels geweiht, und die heissesten Thränen flössen nicht dem Leid des Einzelnen sondern der Tragik des jüdischen Volkes und seiner Aufgabe,