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Jeschurun · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 422 (sequence 6)
Language
German
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422 Das jüdische Gewissen. halbjährlich nach der neuesten Mode gewechselt, sitzen die Töchter Israels an den Stätten ausgelassener Vergnügungssucht und mit ihnen die Männer beim Spiel und Gelage. Und die Idealisten. Sie sorgen um das Land oder um die Thora. Und sie verstopfen sich die Ohren vor dem Todesröcheln der Gemarterten, vor dem Wahnsinnsschrei eines ganzen grossen Bruchteils und eines der wertvollsten unseres Volkes. Wollen wir wirklich ein anderes Wort des Propheten an uns in Erfüllung gehen sehen, dass wir, weil wir nicht mehr gedacht des Bundes der Verwandtschaft und unser Erbarmen erstickten, schuldbelastet erleiden, was die Unglücklichen schuldlos erfahren: ״Soll ich um dieser Dinge willen nicht heimsuchen, ist der Spruch des Ewigen, soll ich an einem solchen Volke nicht Vergeltung üben?!״ Es scheint uns, als ob auch auf unseren Idealisten die Schuld um ein Vielfaches wuchtet. Jene eutarteten, assimilierten Söhne unseres Volkes haben das Band״ zerrissen, und im Laufe der Generationen ist auch das echteste Charakterzeichen des Israeliten ישראל רחמנים בני רחמנים die durch alle Geschlechter bewahrte Tugend der Barmherzigkeit verloren gegangen. Was dennoch nicht vergessen werden soll ist, dass gerade aus diesen Reihen oft die edelsten und grossherzigsten Helfer unserem Volk erstanden. Aber was soll man von denen denken, die sich die getreuesten Diener unseres Volkstums und unserer Gotteslehre dünken, und in denen ״das jüdische Gewissen״ sich nicht regt angesichts von Schrecknissen, die auszumalen die Feder sich sträubt? Denn nicht wahr? Vor diesem Schrecklichsten der Schrecken könnte eine Weile auch das Ideal zurücktreten. Wir könnten — eine Weile wenigstens — der Vorsehung die Zukunft unseres Volkes und seiner Lehre anvertrauen und uns ganz ausschliesslich einer Gegenwartsaufgabe widmen, einer Gegenwartsaufgabe, wie sie kaum je eine Zeit gesehen. Das sind vielleicht Superlative! Aber wie heisst es doch in Hamlet? ״Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren!״ Und wer angesichts der Geschehnisse in der Ukraine kühl bleibt und nur seinen Parteinteressen oder, sagen wir, seinen Idealen lebt und sein Herz verstockt, dem schlägt kein Herz in der Brust,

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