Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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a Das jüdische Gewissen. 421 der Menschheit erröten. Aber im Allgemeinen: Von Führern und Geführten gilt: Lüge ihr Glauben, Lüge ihr Bekenntnis, sie haben immer nur mit den Lippen sich zur Nächstenliebe bekannt, und nie danach gehandelt וחסד לאמים חטאת die ״Liebe״ der Völker ist Sünde! Doch das jüdische Gewissen? Es gab das niemals dem Namen nach wie das berühmte europäische Gewissen. Man sprach nicht davon, aber es«־ war eine Wirklichkeit. Wo immer das Recht verletzt war, wo Unterdrückte seufzten, wo Frevel geschehen, da erhoben sich in erster Reihe Kinder unseres Volkes in Schrift und Wort, für die Verfolgten zu zeugen, in Propaganda und Tat für sie zu wirken. Und nun gar für das Verhalten der Juden zu einander לא תעמד על דם רעך du sollst dich nicht stille verhalten, wenn das Blut deiner Nächsten vergossen wird. Auch die jüdische Geschichte erzählt uns von unverzeihlichen Verstössen gegen das Grundgebot der Menschlichkeit, von Versuchen, die Flüchtlinge aus dem eigenen Lande fernzuhalten, selbst von Anklagen, gegen die Verfolgten anhängig gemacht bei den Machthabern. Es ist eine unauslöschliche Schmach, dass einst ein Papst den Juden ״christliche Nächstenliebe״ predigen musste und die Petitionierenden in Strafe nahm. Aber es war die eigene Not, die Sorge um das tägliche Brot, der in den eigenen Reihen drohende Hunger, der aus Selbsterhaltung zu diesen Schritten führte. Das ist noch zu erklären, wenn auch nicht zu rechtfertigen. Doch was wir jetzt erleben, scheint uns über alles Vergangene hinauszugehen. Die Unschuldigen gehen unter, und keiner nimmt es sich zu Herzen. Darob klagt schon der Prophet. Aber das angesichts dieses Furchtbarsten, das wir geschildert, alles so still in unseren Reihen bleibt, das können wir nicht fassen. Die Parteien zerfleischen sich. In den jüdischen Zeitungen, dem Sammelpunkt der öffentlichen Meinung, kaum eine Mitteilung, einmal in einem Jahre ein Bericht, wie über eine Vereins- Versammlung. Und das Leben geht bei uns weiter, die Gier und Jagd nach dem Gewinn stärker noch als in den früheren Jahren, in Schmuck von Gold und Perlen, in kostbaren Pelzen,