Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 412 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2293001--04425-2297707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
412 Bemerkungen zu Wohlgemuths .,Die göttliche Gerechtigkeit“. Psalm 73 stützen, etwas zu erweitern. Indem ich später einmal noch eingehender über die Auffassung moderner Denker mich äussern will, möchte ich heute nur vorläufig folgendes bemerken. 1. Die grosse Unzufriedenheit, die das traurige Schicksal der Guten und das Glück der Frevler auslöst, war besonders in den Zeitläuften ausge־ sprochen, wo die Philosophie im wesentlichen Metaphysik war; und so erschüttert es auch heute vorwiegend die kritischer Philosophie fernstehenden Menschen. Dem Problem wird ungemein viel von seiner Tragik genommen, wenn man die göttliche Gerechtigkeit als ein erst an später Stelle zu behandelndes Problem erkennt. Man wird übrigens beachten müssen, dass diese Frage nur als Teilfrage des Problems ״Das Böse״ zu betrachten ist. Freilich vertieft sich dadurch zunächst die Tragik, weil damit der vereinzelte Fall scheinbarer oder wirklicher Ungerechtigkeit zu einem generellen Problem wird. Aber wenn wir uns daran gewöhnen, das Böse nur als einen Spezialfall des ״Niehfcoränungahalten“ in Natur und Seele zu begreifen, so ist eigentlich die Anklage der Unge rechtigkeit sehr gemildert und nur in Frage gestellt, ob eine grosse Ordnung, eine höchste Setzung existiert oder wir auf Grund unserer Erlebnisse einen Dualismus von Ordnung und NichtordnuDg anerkennen müssen. Bei dieser Fragestellung aber ist der ״Zufall“, die ״Krankheit“ und der ״Irrtum“ nicht weniger erschütternd. Wie diese ganze Angelegenheit zu bewerten ist, will ich erst bei späterer Gelegenheit ausführen. Eier will ich nur hervorlieben, dass man unseren Ueber- Zeugungen dient, wenn man dem Weg der modernen Philosophie folgend, zunächst die 3 ״mala“ des Leibniz als Gegebenheiten hinnimmt und ihre metaphysische Ausdeutung späterer Prüfung überlässt. 2. Im allgemeinen wird das Schicksal der einzelnen Menschen und der Völker bei Gelegenheit des Gerechtigkeitsproblems zu sehr unter dem Gesichtspunkt von Lohn und Strafe betrachtet. Freilich wird ja auch das Läuterungs־ und Bewährungsleiden hinreichend gewürdigt. Aber man vergisst dabei zu oft, dass es doch eia השגחה כללית gibt, ein grosses Geschehen, die eigentliche geschichtliche Werdefolge, der die השגחה פרטית doch nur gewissermassen aufgepfropft ist. Vielfach kann doch ein Frevler nur deshalb vom Glück begünstigt, ein Gerechter vom Unheil verfolgt sein, weil die allgemeinen von seiner Person nicht ausgehenden und seine Person nicht meinenden Bedingungen der Gesamtheitsgeschichte es so mit sich brachten. Bei Gelegenheit grosser Kriege oder Seuchen ist doch diese Sachlage gegeben: ein צדה רבים trifft da eben auch den vortrefflichsten Menschen, weil er Zeitgenosse 18t. Dort äussert sich die השגחה פרטית als besondere Gnade dann, wenn ein einzelner verschont bleibt; aber es liegt keine Ungerechtigkeit vor, wenn er vom Unglück mitbetroffen wird. Wir wollen hier auf die Auffassung von K. Bachaj ibn Pekuda, dem auch R. Jehuda Hailevi nahesteht, hinweisen, wonach der Mensch auf Glück überhaupt keinen Anspruch hat. Aus diesem resignierenden Standpunkt ergibt sich ein fast unbedingter Optimismus bei dem Verfasser der הרבות הלבבות. Auch das möchte ich noch betonen, weil es in der Verlängerung dieses Gedankenganges liegt: Wer weiss, inwiefern das, was wir Menschheitsgeschichte nennen, überhaupt ein geschlossenes, übersehbares Ganzes ist? Wir vergessen ganz, dass wir in einen gewaltigen Kosmos leben, von dem wir nur ein winziger Ausschnitt sind. Die Gesetze des Alls, vielleicht sogar die Gerechtigkeit — wenn wir das Weltall als Gegenstand göttlicher Fürsorge fassen — erfordern diesen bestimmten Ablauf mit seinen scheinbaren Härten gegen den Frommen. Auch von anderen Gedankengängen aus (siehe Driesch die Wirklichkeitslehre) ist die Möglichkeit nicht auszuschliessen, dass das, was Menschengeschichte heisst, nur ein Ausschnitt aus grösserem Geschehen