Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 399 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den Begriff der Ehe im Judentum usw. 399 kannt vorausgesetzt. Die hier getroffenen Entscheidungen der Schrift bilden letzten Endes nur Modifikationen allgemeiner Grundsätze, die ihrerseits lediglich aus der mündlichen Lehre zu schöpfen sind. Darüber hinaus bieten diese Stellen aber auch noch die weitere Handhabe, Aufschluss über den wahren Begriff de£ Ehe im Sinne des Judentums zu gewinnen. Gerade aus dem Umstande, dass in den beiden hier zur Verhandlung stehenden Fällen eine Ehescheidung von der תורה versagt wird, können wir die Beweggründe erkennen, weswegen dieselbe im allgemeinen zugestanden wird. Beide Tatsachen wiederum beleuchten sich gegenseitig und lassen ihr Licht auf den im dunkein Hintergründe schwebenden Begriff der Ehe überhaupt fallen. Wenn die תורה die Scheidung der Ehe im allgemeinen als zulässig hinstellt, so konnte für sie gerade mit Rücksicht auf die hier zur Erörterung stehenden Fälle nur die Erkenntnis massgebend sein, dass die Ehe die Vereinigung zweier Menschen verschiedenen Geschlechtes zur Verwirklichung der höchsten Ideale und damit gleichzeitig zur Fortpflanzung unseres Geschlechtes in diesem Sinne bildet. Ein so geartetes gemeinschaftliches Streben, welches das ganze Leben ausfüllt, hat nicht bloss eine gleichartige Auffassung aller idealen Dinge zur Voraussetzung, sondern kann nur dann ohne Schaden sich durchsetzen, wenn unter den Beteiligten eine Harmonie der Gefühle, der Temperamente, gewissermassen auch der Lebensgewohnheiten und des Geschmackes besteht. Da aber ein Mensch den andern eben mit menschlichen Augen nur zu sehen vermag1), kann es selbst bei der sorgfältigsten Wahl Vorkommen, dass ein Missgriff gemacht wird. Wenn die תורה die Scheidung für zulässig erklärt, so geschieht dies eben aus derartigen Erwägungen heraus. Der Es ist daher höchst bezeichnend, dass es im 6. Gebote בבד את אביך וגר und nicht etwa אהב את אביך וגר oder שמע בקול heisst: כבד setzt als notwendiges Korrelat dem ethischen Charakter voraus und wäre ohne diesen widersinnig. Das erste, was von jedem jüdischen Kinde gefordert wird, ist: die Anerkennung, dass die Vereinigung, in welche Vater und Mutter durch die Ehe getreten sind, einen rein ethischen Charakter und keinen andern trägt.