Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 363 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Charakterbilder unserer Gesetzeslehrer 363 Wie nun die Anfänge des Talmudstudiums auf einen ehemaligen weltlichen Würdenträger zurückgehen und seine Entfaltung durch einen hohen jüdischen Staatsmann wesentlich beeinflusst wurde, so wurde es gleichfalls zu einem gewissen Höhepunkt geführt von einem jüdischen Minister. Samuel b. Josef, gen. ibn Nagdeia, dem vielgewandten Geschäftsträger des Herrschers von Granada, Habus, war es Vorbehalten, zugleich als Beschützerund geistiger Wohltäter seines Volkes zu wirken. Trotz seiner anstrengenden amtlichen Tätigkeit schuf er bedeutende halachische Werke: eine, leider nur noch lückenhaft erhaltend Einleitung in den Talmud, und die dem rein praktischen Zweck dienenden הלכתא גברוותא, die sich wohl an die הלכות גדולות der gaonäischen Epoche anschliessen sollten, von denen uns aber nur sehr spärliche Citate erhalten sind. Wie er sich als Meister auf talmudischein Gebiete erwies, so Grosses leistete er auch in der Sprachwissenschaft, wo er, fast eifersüchtig gegen jede Bekämpfung seines Lehrers Juda Chajudsch, eine scharfe und zu vielen neuen Ergebnissen führende Fehde1) mit dem bedeutenden Grammatiker und Lexicographeu Jona ibn Djannach in Saragossa führte; auch ein umfassendes Wörterbuch verfasste er, von dem auf uns gleichfalls nur spärliche Beste gekommen sind. Neben dieser rein wissenschaftlichen Tätigkeit lernen wir Samuel auch als Dichter kennen. Mit ihm beginnt die klassische Blüteperiode der hebräischen Poesie im Mittelalter.. Zeigen ihn uns seine;biblischen Nachdichtungen Ben Tehillim und Ben Mischle, die uns in grösseren und kleineren Stücken noch erhalten sind, sowie das leider nicht mehr auf uns gekommene Ben Koheleth als einen Dichter nicht nur hinsichtlich der Formgewandtheit, sondern auch von tiefem religiösen Gefühl, der die reichen Erfahrungen seiner politischen x) Samuel stellte die auch von vielen neueren Philologen geteilte Theorie von der ursprünglichen Zweibuchstabigkeit der Wurzeln ע״ו u. ע״י auf, ebenso findet sich bereits bei ihm die erst in den letzten Jahrzehnten in die hebr. Grammatik eingeführte Ansicht, dass manche scheinbare Pualformen in Wirklichkeit eine Passivbildung der Kalconjugation darstellen.