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Jeschurun · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 343

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 343 (sequence 15)
Language
German
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Die Zeitkultur und die traditionelle Anschauung 343 beobachteten und priesen Sittenreinheit. Der Aufschwung, den dieser ethische Hochstand zuteil werden liess, brachte wohl fast in jedem Fall den Umschwung, den sittlichen Verfall; eine wirklich grosse Tragik, dass die Wirkungen der Sittlichkeit in letzter Linie zur Zerstörung der Sittlichkeit führen. Auf der anderen Seite ist Verfall der Sittlichkeit und Niedergang des Gemeinwesens fast immer miteinander verknüpft. Selbst die hochentwickelte Kultur Griechenlands war kein Schutz, als die Unsittlichkeit dort Bürgerrecht bekam. (Natürlich gibt es auch rein politische Ursachen des Niederganges). Unsere Stellung zu diesen Erscheinungen kann nicht Zweifelhaft sein. Es war immer der Stolz und Ruhm des Judentums, hohe Forderungen für das Geschlechtsleben zu erheben; und fraglos haben gerade die körperliche und seelische Gesundheit das jüdische Volk durch viele Jahrhunderte erhalten. Nur ist gerade nirgends sonst die Einheit von Theorie und Praxis so gefährdet wie in der Sexuaiethik. Man hat nicht nur eine doppelte Moral für die Geschlechter sonst auch für Gesinnung und Tat geschaffen. Des jüdischen Akademikers Ehrenpflicht ist es, gerade hier, auf diesem zweifelsohne schwierigen Terrain die Erkenntnisse aus der Theorie in die Praxis zu überführen und das Leben nach den strengsten Forderungen der Sittlichkeit zu gestalten. Er hat hier beispielgebend zu wirken, denn man bedarf seines Beispiels. Ein Riss geht durch die geschlechtliche Ethik der Gegenwart. Die Theoretiker der jüngsten Vergangenheit huldigten weitgehender Zügellosigkeit. Man wollte, insbesondere auf der medizinischen Seite, nicht viel von moralischen Argumenten hören und ma3s vergleichend-anatomischen und physiologischen Argumenten mehr Bedeutung hei als ethischen; so jedenfalls sprach die Schulmedizin. Die Gesellschaft freilich huldigte aus Selbstschutz einer relativen Moral, die aber nur den Namen Pseudomoral verdient, weil die Heuchelei in ihr gar zu sehr erkennbar ist. In unserm Land hat sich unter dem demoraiisierenden Einfluss des Siegestaumels im Krieg und dem endlichen Zusammenbruch das Blatt gewendet: die Praxis ist schamlos, das Laster geht über die Strasse; hingegen suchen jetzt viele Männer

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