Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 342 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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842 Die Zeitkultur und die traditionelle Anschauung Seher vom Ausmass eines Tolstoi die Umwälzung aus den Niederungen des Parteikampfes auf die Höhe ethischer und sozialer Abrechnung und grosser Verkündungen hob. Das verursachte, dass, von der sozialdemokratischen Partei abgesehen, kein Mensch, besonders kein freier Geist, mit restloser Genugtuung des 9. November gedenkt. Und doch hätte er ein grosser Gedenktag werden können; denn es ist ja nicht so, wie viele uns einreden wollen, dass einige Kämpfer den stolzen Bau des Reiches untergraben haben; ach nein, die Zeit war überreif, und das System morsch, und so krönte die Zeit zu Helden und Befreiern die kleinen Götter, da keine geeigneten Bannerträger sich einfanden. Das träge, seinen Aufgaben nicht gewachsene Volk muss angeklagt werden, nicht die unzureichenden Führer. Unsere Stellung aber sollte diktiert sein von Loyalität und Zurückhaltung. Letzteres um unseret- und des Wirtsvolkes willen. Ich bin überzeugt, dass auf die Dauer das nicht nur die ehrlichste, sondern auch die erträglichste — und das ist wohl nicht zutällig — Lösung gehen wird. 3. Sexualethik.ג) Während die Probleme, die die Wissenschaft und Politik aufgehen, nur eine verhältnismässig geringe Zahl Menschen beschäftigen und deshalb nur einem kleinen jüdischen Kreis Aufgaben stellen, ergreift die praktische Ethik insbesondere in ihrer Ausprägung als Sexualmoral die Gesamtheit des Volkes. Hier ist das Verhältnis zu den Wirtsvölkern nicht nur theoretisch sondern praktisch von eminenter Bedeutung. Es ist wohl nicht zuviel gesagt, dass je freier die Juden in einem Land wohnen — je mehr also Assimilation in irgend einer Form sich geltend macht — desto vollkommener übernehmen sie die Gewohnheiten ihrer Umgehung. Was nun die Völker betrifft, so erkennen wir folgende Gesetzmässigkeit: junge, auf blühende Staaten: das alte Rom, die alten germanischen Stämme (s. Tacitus’ Schilderung in der Germania) D Hier soll natürlich dies ausserordentlich wichtige Kapital nur gestreift werden. In extenso habe ich mich über diese Fragen im Rahmen meiner Beiträge zur Erziehungsfrage Jeschurun VII S. 60—91 geäussert.