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Jeschurun · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1920) · p. Seite 334

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1920)
Date
1920-07-01
Page
Seite 334 (sequence 6)
Language
German
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384 Die Zeitkultur und die traditionelle Anschauung Dass die metaphysisch gefärbte jüdische Lehre nicht im Sinn mathematischer oder exakt naturwissenschaftlicher Form bewiesen werden kann, ist dem im Denken Geschulten klar — und erregt ihn nicht; nur wahrscheinlich kann jene gemacht werden. Aber das teilt sie mit wohl allen Systemen. Ueberall, wo Geschichte, Ethik usw. durch Theorien erklärt werden, stossen wir auf diese sehlechthinige Unerweisbarkeit. Daher können auch die grössten Gegensätze nebeneinander und nacheinander Aufnahme finden; als Beispiel nehme ich Spinozas und Bergsons (übrigens zweier Juden) Stellung zum Freiheitsproblem. Spinoza kennt im Weltgetriebe nur Notwendigkeit, Bergson hat der Freiheit ein weites Feld: Geschichte und Stammesentwicklung der Organismen reserviert und zwar in der indeterministischen Form, die beinahe zu Grabe getragen war und nur über Schopenhauer sich hinübergerettet hat, d. h. losgelöst von Gesetz und Notwendigkeit.1) Auch in Bergsons Philosophie ist Freiheit kein streng abgeleiteter Begriff sondern ein primärer, einem Wunsch des Autors entspringend, und gewinnt deshalb wie in der jüdischen Lehre Gestaltungskraft für naturwissenschaftliche Theorienbildung z. B. mit Hinblick auf die Entwicklungslehre. Zwei nicht ganz selbstverständliche, bisher ziemlich unbeachtete Tatsachen möchte ich bei dieser Gelegenheit hervorheben. Wir sagten schon zu Beginn dieses Abschnitts, wie stark der metaphysische Anteil in der jüdischen Lehre (darin fast allen Religionen ähnlich) ist. Nun sollte man den erheblichsten Schaden von den Systemen erwarten, die Metaphysischem fernstehen oder gar sie ablehnen. Dennoch steht diese Philosophie weniger direkt im Kampf mit der jüdischen Lehre als die metaphysischen Systeme der älteren und neueren Philosophie. Bei genauerer Prüfung nimmt das nicht gar so sehr Wunder. Denn einerseits richtet sich ג) Ueber das Problem der Freiheit orientiert in ausserordentlich klarer und scharfer Weise Drieschs Schrift gleichen Titels aus Reichls Deutschen Schriften 1917. Ich werde voraussichtlich über diese Schrift mich noch äussern.

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