Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 333 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Zeitkultar und die traditionelle Anschauung 303 ziellen Problemen zuwenden, soll uns die Begriffsdefinition der Kultur die Wegrichtung angeben. Kultur ist das Angebaute, die dem Volksgeist entspringende Frucht. Der Volksgeist der Ackerboden, die Kultur das Getreide. Das Volk aber ist schöpferisch in seinen Individuen und seiner Gesamtheit. Das Individuum aber und die Gesamtheit schaffen nach mancherlei Richtung. Sie bemühen sich um rein geistige Fragen, um Erkenntnisprobleme—dasergibt Wissenschaft. Die einzelnen Glieder des Volkes werden zusammengefasst zur Einheit, und so wird der Staat gebildet. Da es aber mehrere solcher Verbände gibt, ersteht das Problem der Beziehungen zwischen den Staaten; es gesellen sich die Kämpfe der Stände hinzu. Wir haben die Politik als Teilbegriff der Kultur. Und endlich erweist eine jede Zeitkultur durch ihren Beitrag zu der Lösung sittlicher Fragen die Höhe ihres Niveaus. Von diesen drei abgegrenzten Gebieten ist die Wissenschaft, wiewohl sie das Ergebnis der Forschung vieler Köpfe ist, das am meisten dem Individuum (nämlich dem schöpferischen Geist) zugehörige Gebiet. Während die ethische Leistung sowohl ihrem Gegenstand als auch dem Subjekt nach (allerdings in geringerem Grade) halb dem Individuum, halb der Gesamtheit zuzuordnen ist, für welch letztere der politische bezw. soziale Aufbau charakteristisch ist. Wir wollen entsprechend dieser Einteilung die Stellungnähme des Judentums zur Wissenschaft, Politik und Ethik (insbesondere der praktischen) ganz kursorisch und andeutungsweise besprechen und daraus des jüdischen Denkers Aufgaben erkennen. III. 1. In diesem Zusammenhang soll bei den Beziehungen des Judentums zur Wissenschaft vornehmlich der Philosophie gedacht werden, wobei ich auch in diesem Abschnitt äusserster Kürze und Unvollständigkeit beflissen sein muss. Diese Bevorzugung trägt ihre Rechtfertigung in sich: hier ruhen doch die Grundfragen der Erkenntnis, die. unabhängig von dem Stand der speziellen Wissenschaften, zu allen Zeiten uns beschweren.