Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Die Zeitkultur und die traditionelle Anschauung alterlichen Denker bedeutet, ist allzu bekannt. Was aber hier von Bedeutung ist, das ist der Umstand, dass solche Erkenntnisse zum Ausbau unseres Systems dienten. Es versteht sich, dass letzteres in seiner umfassenden Gestalt nur die grossen Züge des Geschehens angeben kann. Da tritt nun stellvertretend, ergänzend die autonome Forschung ein und vermittelt viele Einzeldaten, die auch uns von hohem Wert sein können. Freilich sagen unsere Weisen, dass es nichts gäbe, was keine Andeutung in der Thora hätte. Aber es sind doch immer nur Andeutungen, die in dieser ihrer Bedeutung doch erst erkannt werden, wenn die Forschung sie aufgedeckt hat. So vertieft sich nicht selten unsere jüdische Anschauung infolge der Befruchtung durch die Zeitkultur. Und noch ein Drittes ist da zu beobachten, ein Werden, das sich durch lange Zeiträume erstreckt und nur langsam und unauffällig vorwärts schreitet, nur klugen Beobachtern, die feinsinnig und mit Ahnungsvermögen begabt sind, erkennbar: es ist die Kurve der einander ablösenden Zeitkulturen, die in ihrer Gesamtheit als Destillat aller gegensätzlichen und verschiedenen Ausgestaltungen menschlichen Denkens und Schaffens zu einem Spiegelbild unserer Lehre führen werden. Unsere Stellung zur Zeitkultur ist demzufolge sowohl Apologetik wie Einfühlung, Abwehr und freundliche Annäherung. Auf jeden Fall aber ist unsere Stellung zur Zeitkultur mehr als eine notgedrungene, aufgezwungene geistige Handlung, die nur zum Schutz unseres eigenen Lehrgebäudes geschieht, vielmehr drängt zu diesem Vergleich uns die Erkenntnis vom primären Wert der selbstgeschaffenen Kulturgüter der Menschheit, das Wissen um den fördernden Einfluss der Kultur auf unseren Besitz. Ich habe die Ueberzeugung, dass es eine fruchtbare Auffassung ist, und glaube, dass die Grossen unseres Volkes,, wie Maimonides, so dachten. Freilich braucht man diese Betrachtungsweise niemand aufzudrängen. Aber wer von Natur aus zu solchen Fragestellungen neigt und Probleme dieser Art erschaut, der soll wissen, dass diese Gedankenrichtung einen ehrenvollen Platz im Judentum hat. Bevor wir uns den 8pe-