Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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830 Die Zeitkultur und die traditionelle Anschauung Glaube an den Deus caritatis, an die Gnade in der Weit, muss wach sein. Es gibt zwei Typen Y0n Wegweisern, dieAchad Haam in seinem berühmten Essay: Prophet und Priester gezeichnet hat. Ich akzeptiere diese beiden Typen, indem ich sie hier nicht als Träger der biblischen Gestalten anschaue sondern als Vertreter der beiden Führergattungen in 'unserer Zeit, die weder den Seher noch den wirklich im Amt tätigen Priester kennt. Der prophetisch gerichtete Geist schaut auf das Absolute, ist frei von Kompromissen. Der im priesterlichen Sinn waltende Führer sucht den Ausgleich, sein Weg ist die Resultante zwischen der absoluten Forderung und dem Anspruch des Lebens, die seine Komponenten sind. Der Prophet zeigt das Neuland, der Priester bleibt im alten Gebiet oder sucht doch eine Brücke zu schlagen zwischen bekanntem und unbekanntem Land, die der Prophet verschmäht. Grösser und geradliniger ist freilich der Prophet, der Herold einer ungetrübten Idee. Aber dieser Weg ist doch nur das Vorrecht der wirklich Schöpferischen; sie dürfen das Paktieren mit der Meinung anderer verachten. Die mittleren Geister aber dürfen dankbar sein, Priestergewand zu tragen. Auch dessen muss sich der jüdische Denker bewusst bleiben, dass der Begriff Judentum eine Fülle verschiedener Momente enthält. Und man soll von absoluter Konstanz und Unabänderlichkeit nur da sprechen, wr0 sie wirklich vorhanden sind: das ist im Religionsgesetz. Das Religionsgesetz im System der Religion entspricht den Tatsachen und Beobachtungen in den Naturwissenschaften. Sie sind das Gesicherte (für das Religionsgesetz ist das natürlich nur unter Voraussetzung seiner Anerkennung der Fall); freilich weichen die Tatsachen der Natur- Wissenschaften und die Gesetze der Ethik und Religion in ihrer Struktur erheblich von einander ab. Aber doch existiert eine Parallele. Pflicht und Pflichttat sind die Geschehenselemente der Ethik und Religion. Ihnen gegenüber gleicht die Religions- Philosophie in allen ihren Verzweigungen der Hypothesen- und Theorienbildung der ErfahrungsWissenschaft. Versuche sind’s, den Dingen unter einheitlichem Gedankengang gerecht zu werden.