Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 282 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Leebn und Wirken Dr. I. Hildesheimers. die wunderbare Fähigkeit Hildesheimers, die Zeit in rechter Weise auszanützen. Nächst der Universität war sein Lieblingsaufenthalt das Befc-Hamidrasch, an dem R’ Michael Landsberger lehrte, der es verstand, den jungen Studenten zu fesseln und, selbst abgeklärten Wesens, seine tiefe Religiosität zu festigen. Tn Berlin sah sich der Jünger der Wissenschaft in einer ganz anderen Welt, als in seiner Heimatstadt und in Altona. Galten dort die Talmide Chachomim vollständig oder doch zum grösseren Teil als Autoritäten, denen man sich in Ehrfurcht beugte, konnte man sich da wärmen am ״Feuer der Thora“, so wehte in Berlin der kühle Wind des Zeitgeistes, der Nivellierung religiösen Lebens Hier kannte man den נביד התורה nicht, seitdem das berüchtigte Wort eines Gompertz die Rabbinen nur zu ״Kauseherwächtern“ gestempelt hatte. Eine an Religionsverachtung grenzende Gleichgiltigkeit gegen alle Tradition machte sich, — wie Hildesheimer selbst später erzählt, — überall breit. Die Anerkennung einer rabbinischen Autorität zählte man zu den lächerlichen Veileitäten, man vermied geflissentlich die Besetzung des Rabbinats mit einer starken Persönlichkeit aus Furcht, dass eine solche dem hoch wohllöblichen, sich für unfehlbar haltenden Vorstand gegenüber das religiöse Princip vertreten könnte. Ja, selbst der gewiss nicht zu den Orthodoxen zählende, aber durch umfassende Gelehrsamkeit hervorragende und um die Rechte seiner Glaubensgenossen hochverdiente Zacharias Frankel konnte mit seinen Forderungen bei den Verhandlungen betreffs seiner Berufung nach Berlin beim allmächtigen Vorstand nicht durchdringen. Was Wunder, dass in der studierenden jüdischen Jugend eine Lauheit in religiösen Dingen herrschte, und dass sie nicht die geringste Neigung verspürte, dem Studium des jüdischen Schrifttums auch nur eine karge Zeit zu widmen. Diesen traurigen Verhältnissen gegenüber, in jener Zeit, da die Thora ihrer Krone beraubt ward, man sie von ihrem Throne stiess und die anderen Wissenschaften — die, nach einem Ausspruch von Maimuni, nur ihre dienenden Mägde sein sollten — zu Herrinnen über sie erhob, war das Streben Esriel Hildesheimers und das seiner Freunde wie eine Oase in der Wüste zu betrachten. Besonders waren es Wolf Feilchenfeld, später Rabbiner und Begründer des