Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Gründung und Bedeutung des Rabbinerseminars in Berlin. 25 das Religionsgesetz, ,die Ceremonien״, aus der Zeit geboren und nur für die Zeit, in der sie entstanden, bestimmt, für spätere nur so lange massgebend sein dürfen, als sie religiöse Empfindungen wecken und religiöses Leben wachrufen können. Mit voller Schärfe wendet er sich gegen die Ueberscbätzung des ״Formglaubens״, wie er den Gehorsam der Gesetzestreuen gegen die Torasatzung bezeichnet. Und während ihn sein Radikalismus in der Theorie bis zur völligen Negierung und Ab־ lehnung der ״Formen״ führt, möchte er sie in der Praxis, weil ihm das Judentum ohne sie doch nicht lebensfähig erscheint, nicht gänzlich aufgeben und missen, wie er denn überhaupt seine Doppelnätur, den Unterschied zwischen Schriftsteller und Rabbiner immer stark betont, in der dem Schriftsteller das Uebergewicht und der Vorrang deswegen gebühre, weil er ohne Rücksicht die wissenschaftliche Wahrheit vertreten könne8). Geigers Wissenschaftliche Zeitschrift wurde der Sammel־ und Mittelpunkt der Reformfreunde. Von seinen Mitarbeitern — Rappaport, Zunz, Wechsler, Creizenach, Hess — gingen einzelne in ihrer Willkür und Feindseligkeit gegen das überlieferte Religionsgesetz noch weit über ihn hinaus und scheuten sich nicht, die fundamentalsten Institutionen des Judentums z. B. sogar die Beschneidung, in Frage zu stellen oder abzuschaffen. Waren einmal alle Hemmungen beseitigt, alle Schranken der Ehrfurcht vor dem Geisteserbe der Vorzeit gefallen, war es da ein Wunder, dass die Seelen ein Freiheitstaumel ergriff, welcher der kritischen Forschung alle Besinnung, Kritik und jedes massvolle Urteil raubte? Da, wr0 die Reform Einfluss auf die Leitung grosser Gemeinden gewann, eröffnete sie einen erbitterten Kampf gegen die Vertreter des Hergebrachten, des überlieferten, alten Judentums. Das Studium des Talmuds wurde verpönt, die Talmudschulen geschlossen, deren Jünger aus der Stadt vertrieben. Die Erfüllung der Religionsgesetze wurde auf jede mögliche Art erschwert. Wichtige religiöse Institutionen verfielen und wurden dem Verfall absichtlich preisgegeben. Es wiederholte sich in 8) Geiger, Schriftsteller und Rabbiner, Wiss. Ztschr. Bd. 4 p. 321-333.