Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 195 (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292999--04153-2297435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
195 Dr. Nathan Birnbaum religiösen Judentums gegenüber, aus dessen Mitte besonders die jüdische Orthodoxie in Deutschland ihm besondere Aufmerksamkeit und tieferes Verständnis entgegenbringt; andererseits aber befindet er sich vor der fast geschlossenen Ablehnungsfront der Nurnationalen welche ihm wohl seine Rückkehr zur altjüdischen Religiosität, doch niemals seine Abkehr vom seichtfermalistisch-rationalistischen Nationalismus — dem er übrigens immer kritisch gegenüberstand — verzeihen wollen. Daher kommt es auch, daß die nationaljüdischen Alt- und Jungheiden aller Kaliber und aller Schattierung, von der Wucht seiner prophetischen Geißel getroffen, — wie auf Parole — ihn, den Ewigjungen, den sie nicht totschlagen können, wenigstens totzuschweigen versuchen .... Aber nicht über diesen schon im voraus zum Mißlingen verurteilten1 Versuch mit untauglichen Mitteln soll hier gesprochen werden; Der Zweck meiner Ausführungen ist vielmehr, neben einer andeutenden Besprechung der Birnbaumischen Grundideen auf die Geistesarmut unserer ״Auflebungs- und Auferstehungsgeneration“ hinzuweisen, welche sich vor dem jüdischen Historiker der Zukunft ein Armutszeugnis ausstellt, wenn sie Bücher wie ״Gottes Volk“ und ״Um die Ewigkeit“ zu unterschätzen sich vermißt; ist vielmehr, die Entartung und den Verfall des öffentlichen jüdischen Geisteslebens in die jüdische Welt hinauszuschreien. Man bedenke nur: Gibt es da auf Erden ein jüdisches Volk, welches seit seiner Geburt bis auf den heutigen Tag — die Gott sei Dank noch immer dünne Schicht der ״Aufgeklärten“ kommt Quantitativ und qualitativ wahrlich wenig in Betracht — den Glauben an einen Weltenschöpfer und Weltenerhalter mit Inbrunst verkündet; ein Volk, welches seit Jahrtausenden sein Denken, Fühlen und Handeln — also sein ganzes Leben — nach den Gesetzen einstellt, die ihm Gott durch den Mund seiner Boten, der Lehrer und Weisen Israels gab, auf erlegte. Das sind historisch unleugbare Tatsachen, welche hier nur konstatiert werden sollen. Das Kritteln und Deuteln an ihnen wird gerne den Gegnern überlassen, welche jedenfalls das im Rahmen des jüdischen Volkslebens Geschehene und ,Gewordene nicht ungeschehen und ungeworden machen können . . .