Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 192 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir und die Ostjuden 192 Aber diese Methode birgt in sich eine Gefahr.. Bei dem außerordentlichen Umfang, die das talmudisch-rabbinische Schrifttum durch die Geistesarbeit von dreieinhalb Jahrtausenden erlangt hat, kann im Gewände der Dialektik eine Frage vielfach in verschiedener Weise gelöst werden. Wer diese Methode mit Virtuosität handhabt, ist der Gefahr ausgesetzt, über dem dialektischen Schartsinn den Wert des Ergebnisses und die wahren Gründe, die nicht in der Anführung der Autoritäten, sondern in der Sache selbst liegen, zu vernachlässigen. Ein Ergebnis ist nicht deshalb richtig, weil ich unter Aufbietung höchsten dialektischen Scharfsinns durch Induktion, Deduktion oder sonstige Methoden eine Reihe von Autoritäten anführen kann, sondern vermöge der sachlichen Gründe. Diese sollen durch Heranziehung des Schrifttums klargelegt, können aber nicht dadurch ersetzt werden. Bei Anwendung der dialektischen Methode können häufig entgegengesetzte Ergebnisse mit gleich guten Gründen belegt werden. Wer sie beherrscht, ist sich dessen bewußt, daß er vielfach verschiedene Ansichten mit treffemden Gründen verteidigen kann und im Bewußtsein dieses Könnens, gelangt erleicht 1zu der Ueberzeugung, ,daß es überhaupt keine Wahrheit gebe, daß vielmehr der Sieg in der. Diskussion nur vom Grade der dialektischen Gewandheit abhänge. Dieses Stadium der Entwicklung ist sehr gefährlich. Ist einmal der Relativismus in dieser Gestalt zur Ueberzeugung geworden, dann geschieht es leicht, daß er sich nicht mehr auf das Gebiet der Auslegung des Religionsgesetzes beschränkt, sondern das Religionsgesetz als Ganzes zum Gegenstand kritischer Betrachtung macht. Kommt der Einfluß der nichtjüdischen Wissenschaft hinzu, dann gelangt der Talmudjünger bald dazu, wie er bisher in Abaji und Raba im ש״כ und ט״ז gelernt hat, auch להבדיל in Wellhausen, Feuerbach oder Haeckel zu lernen, und dann ist der Bruch mit der praktischen Ausübung des Religionsgesetzes nur eine Frage kurzer Zeit. — In gleicher Weise wird auch die moralische Seite des Seelenlebens ungünstig beeinflußt. Das Gefühl für das, was recht und was unrecht ist, tritt zurück, es erwacht das Streben, in jeder Lage durch dialektische Gewandtheit seinen Vorteil zu