Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 191 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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191 Wir und die Ostjuden als für das moralische Niveau, und zwar ebensosehr in Bezug auf die מצוות בין אדם לחברו als auf die מצוות בין אדם למקום• Es ist staunenswert, wie schnell und wie gründlich die Fäden zerrissen werden, welche ein so festes Band mit dem überlieferten Judentum bildeten. Es ist dies dieselbe Erfahrung, welche schon in der nachmendelssohnschen Aera gemacht wurde, und die sich in späterer Zeit in zahllosen Fällen wiederholte. Es ist, als ob mit dem Lieber־ schreiten der Qrenzpfähle in den Seelen der meisten Einwanderer eine durchgreifende Aender.ung stattfinde. Bei der zentralen Bedeutung, welche das Lernen in Polen hat, drängt sich die Frage* auf, ob hier nicht Zusammenhänge bestehen, derene Aufhellung zum Verständnis dieses kaum hinreichend erklärten Phänomens beitragen könnte. Man kann in der Geschichte des Lernens zwei Methoden unter« scheiden, welche abwechselnd das Uebergewicht hatten, die systematische, bei der neben der Entscheidung einzelner Fragen das Hauptziel eine wohlgeordnete, zusammenfassende Darstellung des gesamten Religionsgesetzes oder eines bestimmten Teiles desselben bildet, und das Lernen im engeren Sinne, bei dem nicht ein be~ stimmtes Ergebnis das Ziel ist, sondern ein vertiefendes Verständnis der einzelnen Ansichten und ihrer Zusammenhänge erstrebt wird (תלמוד תורה)• Diese letztere Methode hatte meistens das Uebergewicht. Die ständige Anknüpfung an die Tradition führt dazu, daß hier die Aufgabe des Lernenden im wesentlichen darin besteht, etwaige Differenzen zu ermitteln und zum Ausgleich zu bringen, um auf diese Weise zu einem tieferen Verständnis der Probleme zu gelangen. Die hohe Autorität, welche die Gesetzeslehrer der Vergangenheit schon in* talmudischer Zeit besaßen, führte dazu, daß man Gegensätze in den Ansichten, soweit sie nicht ausdrücklich überliefert waren, als ungerechtfertigt empfand und es deshalb als eine Hauptaufgabe ansah,, diese Gegensätze als nur scheinbare nachzuweisen und dadurch zum Ausgleich zu bringen. Die Methode besteht im wesentlichen, im Einschränken oder Erweitern des Inhalts der Lehrsätze, in der Anknüpfung an einen bestimmten konkreten Tatbestand u. dgl. In zahllosen Fällen wurden mit höchster Geistesschärfe Probleme dieser Art in befriedigender Weise gelöst.