Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 182 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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Cherath 182 Aber ist dies etwa eine Profanierung des religiösen Erlebnisses, wenn der menschliche Geist bemüht ist, auch noch das Irrationale zu formulieren, schriftlich zusammenzufassen und ein geistiges System zu bauen? Geht hier nur ein Hauch seines letzten Rätselsinns verloren? Und bedeutet die religionsphilosophische Lehre nicht vielmehr den synthetischen Trieb des Menschen gegenüber dem Reichtum religiösen Erlebnisses, es in seinen Hauptzügen wenigstens zu charakterisieren, damit auch die menschliche Erkenntnis (als ein Hauptpfeiler des menschlichen Geistes) in ihrer Weise mit dem Irrationalen fertig geworden sei. Denn im konkreten Fall wird jeder dieser theoretischen Denker in jeder Lebensäußerung den Weg des ״Vitalen“ gehen, da sie gar nicht erst zu ihm zurückzufinden brauchten. Gerade das Vitale, das lebendige Erlebnis, war stets in der Seele wirksam, und nur aus geistigen und philosophischen Gründen haben sie begrifflich zusammengefaßt, was eigentlich ihr stündliches Erlebnis ist, ihr Leben in der Gottheit. Darum ist es unphilosophisch und unhistorisch zugleich, wenn sich schließlich ergibt: das Wort der Lehre verliere seinen religiösen Charakter, sobald es in sich erkennbar und anerkennbar wird. Ja, so müssen wir aufrichtig fragen, gibt es für Buber überhaupt Philosophie und ihre überreiche Geschichte, da diese doch immer in Schriften niedergelegt hat und niederlegen mußte, was das geistige Erlebnis des Denkers ist. Denn es scheint in der Tat seine Meinung zu sein, daß alles, wovon man in Begriffen reden kann, zugleich wertlos geworden sei. Aber wir wollen jetzt das Positive seiner Auffassung aufdecken. Er sagt mit Vorsicht, das Wort der Lehre verliere seinen religiösen Charakter, sobald es aus seinem inneren Zusammenhang (״aus dem Lebenszusammenhang des Stifters“) als in sich erkennbar und anerkennbar, als durchaus außerpersönlicher Satz umgearbeitet werde. Hier verbirgt sich eine Wahrheit, die aber die von ihm so geschmähten religiösen Systeme durchaus bestätigt haben. Mit welcher Berechtigung kann Buber behaupten, die religiösen Systeme hätten sich von dem vitalen Verhältnis der lebendigen Religiosität gelöst?