Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 181 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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Cheruth 181 Und so sehr wir psychologisch diese Auffassung begreifen können für alle, die in dem seltsam unklaren Verhältnis zum Judentum sind wie die Jugend, zu der hier -gesprochen wird, es muß klar erkannt werden, daß solche ungenaue Einstellung in das religiöse Problem (dem wahren Denker Selbstzweck nur wie jedes Problem) philosophisch unhaltbar ist. Wurde solcherart das religiöse Probien! nicht adäquat erfaßt, nämlich nicht religionsphilosophisch, sondern aus den Erlebnissen des Künstlers und Volkserneuerers, so ist es nur folgerichtig, daß auch der Versuch mißlingen mußte, die jüdische Religion als Lehre oder als Gesetz in objektiver und genauer Weise zu deuten. Für alle, denen die jüdische Religion ein lebendiges Begreifen ist, innerstes Erfülltsein von ihrem Geist, kann es nur eine schroffe Scheidung bedeuten, wenn in dem Bedürfnis nach Klarheit hier Lehre und Gesetz getrennt werden, ja daß ihnen ein höheres reUgiöses Bewußtsein entgegengesetzt wird, das später als das wahrhaft erhabene und allein seligmachende zur Preisung gelangt. Was ist die jüdische Religion als Lehre, was ist sie als Gesetz? Diese beiden Fragen sind Ausgangspunkte für eine Antwort, die gegen Ende der Schrift gegeben wird. Und in anscheinend tiefgründiger Weise werden die Probleme der Lehre und des Gesetzes untersucht. Aber dem Tieferblickenden offenbart sich eine philosophische Unfähigkeit, das zu begreifen, was jede Lehre als Theorie, was jedes Gesetz als praktische Anweisung bedeuten soll. Wie könnte eine Lehre, wie ein Gesetz ausschöpfen wollen, was als religiöse Energie wirksam ist? Zwar wird diese Grundfrage berührt, aber keine Auseinandersetzung folgt über den inneren Zwang, das notwendige Vorhandensein von Lehre und Gesetz; nicht wird begriffen, aus welchen inneren Konsequenzen des menschliehen und religiösen Bewußtseins überhaupt dieser Weg zur Lehre und zum Gesetz gegangen sein mußte. Es ist von einem System abstrakter Begriffe die Rede, die das Geheimnis der religiösen Irrationalität völlig verloren gehen ließen. Denn Glaubenssätze würden herausgelöst, die schließlich als Selbstzweck erscheinen und den lebendigen Prozeß im religiösen Bewußtsein ersticken würden.