Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 174 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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וס Die Gotteslehre in der jüdischen Apologetik 174 6. Es kann nicht geleugnet werden, ja man muß es sogar dankbar anerkennen, daß die heftige Polemik der Außenwelt auf die Läuterung und Befestigung der religiösen, oder wie man gewöhnlieh sagt, der theologischen Vorstellungen von segenspendendem Einflüsse gewesen ist. Es ist bekannt, daß die Theologie der Kirche ein Kind der antichristlichen Polemik und der Apologetik des Christentums ist. Auch aus unreinen Quellen kommt lebenspendendes, reines Wasser. Zwei religiöse Vorstellungen in der Agada scheinen diesen Diskussionen ihre Entstehung zu verdanken. Erstens die Lehre, daß Gott den Menschenkindern in der zukünftigen Welt sichtbar werden wird, und zweitens, daß die menschliehe Seele vor dem Scheiden aus dieser Welt Gott sieht. Die erste Lehre wird oft wiederholt im Buche der Jubiläen und in der Testamentsliteratur (vergl. Wieks. The Doctrine of God.). Im Tanchuma wird im Namen des R. Chaninah folgende Stelle angeführt: In Zukunft wird Gott selbst seine Herrlichkeit den Ge״ schöpfen zeigen. Er wird den Thron vom Himmel herabsenden, und ihn auf jenen Platz stellen, wo die Sonne im Monat Tebet gewohnlich steht. R. Chaninah, der Alte, bemerkte hierzu: Wer kann Gottes Herrlichkeit schauen? steht denn nicht geschrieben: Keiner kann mich sehen und leben? (Ex. 33,20), und du wagst es zu behaupten, daß man Gottes Antlitz schauen kann? R. Chaninah antwortete: Es steht in den Psalmen geschrieben: Gott ist Sonne und Schild (84,12). Wie Sonne und Schild im Kriege schützen, so wird Gott seine Kinder an jenem Tage beschirmen (Tanch. f. 267 B, ed Bub. V. 31). Die Rechtfertigung des jüngeren Chaninah will wohl sagen, daß Gott den Menschenkindern an jenem Tage die Kraft verleihen würde sein Antlitz zu schauen. Die Anschauung entspricht daher vollkommen jener Vorstellung, die vom Verfasser der einzelnen Testamente vorgetragen wird. In beiden Fällen müssen ganz besondere Umstände dazu geführt haben, diese Vorstellung zu bestreiten und zu begründen. Es dürfte nicht zu gewagt erscheinen, wenn wir den Beweggrund für diese Lehre in den Fragen der Heiden oder Gnostiker, oder beider zusammen: zeige mir deinen Gott! erkennen. Ein anonymer Agadist spricht sich noch deutlicher als R. Chaninah über diesen Gegenstand aus.