Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 163 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292999--04121-2297403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
163 Erzieh ungsf ragen die Rabbiner lediglich Beamte und als solche der Herrschsucht von Laientyrannen ausgeliefert sind; weshalb sie denn meistens den bequemeren Weg des Gehorsams und der Willfährigkeit gehen und nicht die Kraftprobe machen, die Autorität des Religionsgesetzes und die eigene mitsprechen zu lassen. Aber jüdische Schulen, wirklich dem jüdischen Geist dienende Schulen, gibt es doch nur in Gemeinden, wo diese Vergewaltigung des Jüdischen noch nicht Platz gegriffen hat. Und so kann doch nicht so sehr die Brutalität der Machthaber als die allzugroße Gefügigkeit der Lehrer es erklären, daß eine Opposition der Lehrenden zu den unmöglichen Dingen gehört. Und doch hat es der Lehrer eigentlich nur mit den Kindern, ihren geistig-sittlichen Fähigkeiten und Potenzen zu tun! Hinzu kommt noch die Warnung unsrer Alten: הזהרו בבני עניים שמהם תצא תורה. Freilich dieser Satz, der nicht von Schön״ geistern als Phrase geprägt war, ist längst zu homiletischer Billigkeit erstarrt und hat seitdem seinen bedeutsamen Lehrinhalt eingebüßt Dabei hält es nicht schwer nachzuweisen, daß obigem Satze gemäß die allermeisten unserer Großen, seien sie nun Forscher, Führer, Dichter oder Politiker aus bescheidenen Hütten hervorgegangen sind. Gelehrte sprechen nicht in ihren Werken von den Fragen ihrer Jugend, von quälender Armut. Aber aus Dichters Brust lösen sich Seufzer los und werden zu ergreifenden Klängen. Wen kann Bialiks שירתי kalt und ungerührt lassen, diese Entwicklungsgeschichte seines Ganges aus Not, Kummer und Elend? Wann wird endlich bei uns die Stunde des Erwachens schlagen,* wo man ernstlich Geister und Charaktere sucht, wo sie zu finden sind? Wir sind doch sonst so reich an Sprüchen und fühlen uns Gott so nahe. Warum lernen wir nicht von ihm, der מאשפות ירים אביון• Aber wir haben längst verlernt, groß zu denken und über die Augenblicksaufgaben hinauszugehen, seitdem ״Karriere“־ die einzige Zielrichtung im jüdischen Haus geworden ist. Haus und Schule waren immer die Bildungsstätten des Kindes, und sie werden es bleiben. Das Verhältnis beider zueinander aber muß sich gründlich ändern, soll aus der vereinten Arbeit Segen ersprießen; ja, ich gehe noch weiter: soll nicht eins von beiden die Leistung des anderen aufheben. Antagonisten dürfen sie