Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Erziehungsfragen 162 Schuld, welche glaubten, ihre Kindern mehr zu dienen, wenn sie auf fremden Schulen ihr Wissen erwarben. Ihre Kinder und das jüdische Volk haben sie geschädigt, jene dem sprudelnden Geistesleben ferngehalten, diesem die Mittel nicht genügend zur Verfügung gestellt, deren es bedarf, um die Erziehungsarbeit befriedigend zu leisten. Aber ich will gerecht sein und nicht alle Schuld denen beimessen, die in Ueberschätzung ihres Besitzes sich abgesondert haben. Schule und Lehrer haben nicht immer Würde gewahrt. Zunächst hätte die Schule auch bei den! ungünstigen Bedingungen, unter denen sie arbeitet, danach streben müssen, vorwärts zu kommen, und nicht stehen bleiben dürfen. Es ist doch einigermaßen traurig zu sehen, daß vor hundert oder fünfzig Jahren Schulgründüngen möglich waren1) und seitdem nur Erhaltungsarbeit aber nichts Schöpferisches, kein Fortschritt erzielt worden ist. Auch hier nur Stillstand und allzugroße Zufriedenheit. Und immer schielte man mit einem Auge nach den Mächtigen in der Gemeinde; ihre Gunst war stest ein begehrtes Ziel. Ich tadle nicht, daß in den Vorständen und Kuratorien! der Schulen neben den offiziellen Vertretern, dem Rabbiner und dem Gemeindevorstand, auch angesehene reiche Männer sitzen; nur das frage ich: warum war noch nie ein mäßig begüterter oder gar armer Mann in der Verwaltung, ein Armer, der wegen seines besonderen Interesses und seiner besonderen Eignung dazu berufen war, Schulfragen lösen zu helfen? Das Resultat im Schulwesen ist ein Abbild der herrschenden Zustände: Seit Jahrzehnten ist nie eine bedeutsame Aenaerung im Schulwesen eingetreten. Und doch gibt es soviel Reformbedürftiges, speziell den hebräischen Unterricht und hier wieder in erster Reihe das Sprachenproblem betreffend, ganz zu schweigen von einer Revision des Gesamtgeistes der Schule, einer Abkehr von der assimilatorischen Tendenz und dem auf die Spitze getriebenen und deshalb unwahren Konfessionalismus. — Die Lehrer müßten viel unbeeinflußter sein von der sozialen Stellung der Eltern ihrer Schüler. Es gibt ja freilich sogar Gemeinden in Deutschland, wo 1) Die Schulgründungen in Leipzig, Cöln und Berlin sind erfreulich, machen aber meine Ausführungen nicht überflüssig.