Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 156 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Erziehungsfragen 156 9 Gott geweiht ist; das ist eine hohe Ehre; dem Geld ist kein großerer Ruhm beschieden. Noch eins will ich hervorheben, bevor ich auf die Beziehungen des Reichtums zum Erziehungsproblem eingehe. Eine neue Zeit liat begonnen. Die staatlichen Verschiebungen sind nur ein Beginn der großen Revolution und ein winziger Anfang. Größeres wird folgen: die soziale Umwälzung. Nun ist es nicht nötig, mit dem Beginn neuer Epochen sofort die Meinung zu wechseln, nur um Schritt zu halten und nicht überholt zu werden von anderen. Ueberhaupt heißt historisches Verständnis nicht, sich bedingungslos der neuen herrschenden Idee ausliefern, sondern verstehen, was die neue Zeit mit dem für sie bezeichnenden Leitgedanken von uns, die in einer alten Kultur wurzeln, fordert. Und da will mir scheinen, ist die Forderung der Gegenwart so völlig ignoriert worden, daß es einen vor Entsetzen schüttelt. So ganz und gar ist das große neue Werden an der großen Mehrheit spurlos vorübergegangen. Jeder, der besitzt, sitzt ängstlich auf seinem Eigentum und hat hochstens den Gedanken, es zu mehren. Keiner, der nicht erklärter Gegner des Privatbesitzes ist, wird fordern, daß alle alles aufgeben; nur das sollte ein jeder geistig und sittlich wertvolle und rege Mensch der Zeit zu opfern bereit sein: für seinen Teil dazu beizutragen, Ungerechtigkeit abzubauen und ein neues Gleichgewicht herzustellen, das gesünder als das jetzige ist und mehr auf dem Glücke aller als der B e h ag 1 i c h ke i t einiger beruht. Für unsere Betrachtung insbesondere kommt es darauf an, daß man bereit ist, die Hegemonie des Reichtums aufzugeben und die Rangordnung nur nach dem Persönlichkeitswert vorzunehmen. Diese maßvolle Betrachtungsweise verlangt von dem Einzelnen keine völlige Selstentäußerung, sondern nur einen Verzicht auf ein haarsträubendes Unrecht. Ich aber glaube, daß eine die bisherige Situation völlig aufhebende, prophetisch verkündete Idee zwar revolutionierender wirkt, eine erfüllbare Forderung begrenzten Umrangs aber vollständiger zur Verwirklichung gelangen kann, ohne gewaltsam die Ruhe der Entwicklung zu stören. Denn auch ich teile den Standpunkt eines Romain Rolland und Barbusse, daß es