Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292999--04113-2297395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 Erziehungsfragen die Reichen mitmachen; ja, das Tragischste von allem, man muß heute geradezu im Dienste der Wissenschaft sich zu dieser Servilitat hergeben, weil die Reichen doch die Mäzene sind — und man ist doch seit des Augustus’ Zeiten gewöhnt, den Mäzen neben den Horaz zu setzen; unterdessen hat die Menschheit, dem allgemeinen Fortschritt folgend, sogar gelernt, den Mäzen und Augustus noch höher als Horaz zu stellen. Man braucht nicht besonders bitter und hart zu sein, um zu erkennen, daß der Niedergang des geistigen Lebens — von anderen Faktoren sei hier abgesehen — nicht in letzter Linie von dieser Umkehrung der Verhältnisse bedingt ist. Wo nicht reiche Mittel stets zur Verfügung stehen, wo nicht die Schar der Durchschnittsgelehrten (von den Genies spreche ick^icht, die allen Hemmnissen zum Trotz ihren Weg finden; aber wir bedürfen auch des Bienenfleißes der begabten und strebsamen Naturen, deren Forschungsergebnisse nicht selten wertvoll sind) sich in dem zum Leben Notwendigsten gesichert fühlt, vso der Forscher Almosen empfängt, da gedeiht keine ersprießliche Arbeit Dies ist ja keine von der Erfahrung unbeeinflußte Auffassung, sondern eine bestätigte Wahrnehmung. An aller Systematik der jüdisch-wissenschaftlichen Arbeit fehlt es; so wenden sich viele, die wohl die Befähigung zum selbständigen Forschen, aber nicht die Opferwilligkeit haben, ein ganzes Leben in Not und Enge zuzubringen, von der wissenschaftlichen Bahn ab. Man verstehe diesen Tadel nicht falsch. Ich will nicht die großen Verdienste in Abrede stellen, die so mancher mit Glückgütern Gesegnete sich erworben hat. Not und Träne hat mancher gelindert und sein Vermögen in den Dienst der ernsten Bemühungen um das Wohl unseres Volkes und das Blühen seiner Kultur gestellt; der hat durch seine Handlungsweise nachträglich ein Anrecht auf seinen Besitz erworben. Meine Kritik gilt auch weniger den Reichen oder dem Reichtum; mehr dem Volk, das sich dem Reichtum demütig beugt und freiwillig seine Herrschaft auf sich nimmt; den selbständigen Köpfen, die vergessen, daß sie es ihrem Beruf als Denker schulden, Würde zu wahren und nicht Diener von Dienern zu sein. Es genüge den Reichen, Diener der Wissenschaft zu sein insbesondere der, welche