Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 154 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292999--04112-2297394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erziehungsfragen 154 Erziehungsfragen. Von Dr. Oskar Wolfsberg, Berlin. IV. Das soziale Problem in Schule und Haus. Die Reform des Erziehungswesens darf nicht bei der Schule halt machen. Auch die politische Gesundung im Sinne einer Beruhigung der Jugend ist nicht das letzte Reformbedürftige. Auch das Elternhaus muß gesunden. Des Krankhaften ist auch hier gar Vieles. Ich habe nicht die Absicht alles bloßzulegen. Etwas besonders Krasses will ich beleuchten, einen verhängnisvollen Schritt, der in die Irre führt, die höchst traurige gesellschaftliche Struktur des jüdischen Volkes. Diese muß ich ein wenig ins Auge fassen, bevor ich darlege, inwiefern sie das Erziehungswerk ernstlich gefährdet. Eigentlich sollte in keinem Volke so wenig ständische Gliederung sein wie bei uns: unsere Schrift kennt außer dem Priestertum und dem מלכות בית דוד keine Privilegien, ganz gewiß keine rein plutokratischer Natur. Reichtum war freilich weder verachtet noch ver- Worten, aber doch nur als Folge und Lohn der Wohltätigkeit, עשר בשביל שתתעשר, und als Verpflichtung zu guten Taten angesehen. Zu irgend welchen außerordentlichen Ehren berechtigte Reichtum nie. Tatsächlich gab es eine Zeit, wo die Wertschätzung von der sozialen Position ganz unabhängig war: die Zeit der Tanai'm und Amoraim, wo Handwerker an dem großen Bau der Tradition nicht minder mitwirkten als begüterte Gefährte. Es ist interessant, daß in unserer geistigen Blütezeit auch diese ethische Auffassung von der Gleichheit der Menschen, unabhängig von ihrer Stellung, lebendig war. Die falsche Wertschätzung des Geldes ist ein Danaergeschenk des Galüth. Freilich war auch noch im ganzen Mittelalter und in jüdischen Zentren bis in die neueste Zeit der Gelehrte der am meisten verehrte Typ. Aber langsam gewann doch der Reiche an Ansehen und Einfluß: in der Gemeinde und in der Gesellschaft eroberte er allmählich den ersten Sitz, und in der Gegenwart sind wir nun glücklich so weit, daß selbst die Gelehrten willig den Tanz um