Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 123 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Die göttliche Gerechtigkeit Da Gott seinen frommen Knecht Hiob rühmt, daß es keinen gebe, der ihm gleiche, da erwidert der Ankläger: ״Ist Hiob etwa umsonst gottesfürchtig? Hast Du ihn nicht umhegt und sein Haus und alles, was ihm gehört? Der Ankläger ist der Vertreter der Schlechten, der spöttischen, ungläubigen Welt, des Menschen mit dem naiven Egoismus. Er glaubt nicht an das Große und Edle, nicht an das Gute, das aus freiem Antrieb und reiner Liebe zu Gott geübt wird. Der Fromme ist ihm ein Geschäftsmann, der nur klüger ist als der Frevler, der nur gerade soviel an edlen Werken übt, als er־ Lohn dafür zu erwarten hat! Und in der Tat wäre der Ankläger nicht berechtigt, diese Anschauung zu vertreten, wenn das Gute sofort seinen Lohn, das Schlechte sofort seine Strafe finden würde? Was regelt denn sonst unser Handeln, wenn nicht die naturgemäße Folge von Ursache und Wirkung? Das Vergeltungs- Prinzip als einzige Triebfeder der Handlungen würde aber ihre religiöse Bedeutung völlig aufheben. Das soll an einem Beispiel der Welt gezeigt werden: Gut ist nur der, der frei, ohne Rücksicht auf die Folgen, aus hingebender Achtung heraus vor Gott, sein Gebot befolgt. Das soll allen denen gezeigt werden, die höhnisch auf den Gottesfürchtigen blicken, die von ihm zu Gott sagen: aber strecke nur deine Hand aus und rühre an das, was ihm gehört, ob er dir nicht ins Angesicht seine Lästerung ausstößt! Die Prüfung, die der Gerechte durch seine Leiden besteht, deren bedarf es nicht vor Go׳tt. Gott prüft Nieren und Herz und kennt die Gesinnung des Menschen. Aber der Welt gegenüber muß seine Gesinnung sich betätigen, und dies ist nur möglich, wenn er vor den Augen aller die Feuerprobe besteht im Schmelztiegel der Leiden. Von diesem Standpunkt aus ist die Frage sinnlos: Warum sehen wir die Gerechten leiden und die Schlechten triumphieren? Es ist eben nicht möglich, daß der Fromme immer seinen Lohn hienieden findet, weil dann der Fromme aufhörte ein Frommer zu sein, weil dann alle religiöse Betätigung zu einer physischen Funktion herabsinken würde, weil niemandem der Einfall käme, Schlechtes zu begehen, ebensowenig wie ein Mensch mit gesundem Verstand eine Giftschale leert. Hinnehmen müssen wir freilich den ersten Gedanken, daß im allgemeinen das Gute seinen Lohn in sich selbst fin-