Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 122 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die göttliche Gerechtigkeit 122 und sittlich Tadellosen sind durchaus nicht immer maßgebend. Der Mensch sieht auf den Augenschein. Gott aber sieht auf das Herz. Wer weiß, ob der. den wir als Muster bewundern, wirklich die Stellung einnimmt, die wir vermuten. Wer weiß, ob nicht das, was uns an einem Menschen abstößt, bloß eine häßliche Schale ist für einen köstlichen Kern. Vor dem Gesetz, das Gott den Menschen zur Vollstreckung übergeben, gibt es freilich nur einen Maßstab: ,.Wer eines Mensehen Blut vergießt, dessen Blut soll wiederum vergossen werden.“ Und wenn einer von seinen Kindern dem Moloch opfert, der soll getötet werden! Das Volk des Landes soll ihn steinigen. — Aber dort, wo Gott das Schicksal walten läßt, da wird der ganze Mensch beurteilt, seine Anlagen, seine Umgebung, die Schwierigkeiten. mit denen er zu kämpfen hat. So kann es kommen, daß vor Gottes Augen der, der uns als Frevler erscheint, gerechter dasteht als der Fromme, der nie in Versuchung gekommen, ja, der vielleicht nur durch ererbte Kräfte, durch Rücksichten abgehalten wird, Schlimmes zu begehen, der vielleicht heimlich im Kämmerlein manches getan. w~as des Menschen Auge zu scheuen hat. Das sind wie gesagt, keine Lösungen. Es gibt zweifellos Fälle, in denen der völlig Schuldlose in unabsehbares Elend gestürzt wird, wie das ja im Buche Hiob an einem typischen Beispiel gezeigt wird. Hiob ist wirklich der fromme und untadelige Mann, der gottesfürchtig ist und das Böse meidet, und sein Leid ist ein absolutes, über das kein Trost hinwegheben kann! Aber die beiden Momente sind geeignet, das Problem abzuschwächen von den beiden Gesichtspunkten aus: Du fragst: wTarum leidet der Gerechte, sind glücklich, die das Böse üben?! Der Gerechte und der Böse, sie sind nicht immer die Guten und die Schlimmen, als die sie dir scheinen. Und ihr Glück und Leid wird von Dir falsch geschätzt. Haben wir so die Fälle, in denen das Problem sich erhebt, auf eine geringe Zahl beschränkt, dann können wir den zweiten Gedanken zu Hilfe nehmen, der entscheidend ist. Er ist in dem Prolog des Buches Hiob enthalten und die eigentliche Antwort: Die Frage- Stellung ist nicht nur falsch, sie ist widersinnig.