Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Auslieferungsfrage. 107 Widerspruch standen, auf diesem Umwege zu erlangen. Das wäre nur eine der vielen Lügen mehr, die von den Vorkämpfern 1ür Recht und Menschlichkeit uns aufgetischt wären und man sagte: Legt’s zu den Uebrigen. Das gottlose Frankreich will von der Religion nicht viel wissen. Es begnügt sich mit der von jeder religiösen Färbung befreiten Moral. Es wird zweifellos in seiner Morallehre Paragraphen haben, die uns sein Verhalten als den strengen Geboten der Sittlichkeit entsprechend darstellen. Aber mit dem frommen England, und wir meinen diese Bezeichnung nicht ironisch, möchten wir uns noch ein wenig auseinandersetzen. Das Moratorium des Christentums, das es durch sein Verfahren nun jetzt schon ändert- .halb Jahre nach dem Kriege immer wieder verlängert, unterzieht die christliche Welt einer Belastungsprobe, der sie, wie wir fürchten, nicht mehr gewachsen ist. Sollte es der Ausfluß der ״christlichen Liebe“ sein — wir Juden sind ja seit Jahrtausenden an diese ״christliche Liebe“ gewöhnt —, wenn das Blatt seines Führers, auch jetzt, wo doch die Kriegspsychose geschwunden ist, mit dürren Worten es ausspricht: Je weniger Deutsche es gibt, desto besser für uns Engländer. Aber wie kann man nur so sehr des Wortes vergessen: ״Liebet eure Feinde“. Es ist an sich schon schwer, Mission unter den Heiden zu treiben, wenn man nach einem Waffenstillstand von wehrlosen Feinden hunderttausende durch die Hungerblockade gemordet hat, wenn man Gefangene als Zwangsmittel zurückbehalten hat, um immer mehr Vorteile herauszuschlagen. Was werden jene verblendeten Heiden, zu denen doch auch so mancherlei von diesen Dingen gedrungen ist, sagen, wenn ihnen die ״christliche Liebe“ gepredigt wird, die sich so herrlich an christlichen Glaubensgenossen offenbart hat. Und nun gar die Judenmission, die ja schon immer ein Schmerzenskind war und so gar nicht gedeihen wollte, muß sie nicht völlig Fiasko machen trotz der Millionen, die ihr so reichlich zufließen?