Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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106 Die Auslieferung־sfrag־e. Die Auslieferungsfrage. Es gehört zu den betrübendsten Erscheinungen der Folgen des Weltkrieges, daß die Lüge, die freilich immer eine überragende 'Rolle im Verhalten der Einzelnen und der Völker zu einander spielte, jetzt alles Maß überstiegen hat. Noch mehr, daß jedes Empfinden für das, was Wahrheit und Lüge ist, in einer so großen Zahl von Menschen völlig erstickt ist. Sonst wäre es unfaßbarr daß die Berufung auf Moral und Gerechtigkeit, mit der die Entente das Auslief er ungsverlangen begründet, nicht einem allgemeinen Hohngelächter begegnet. Unfaßbar, daß ein bedeutendes, auf Anstand und Sitte pochendes neutrales Blatt, wie die ״Neue Zürcher Zeitung“ dies Auslieferungsverlangen billigen konnte. Unbegreiflieh, wenn nicht eben in der Politik alles erlaubt wäre, was nützt. Unnötig, sich bei dem Einwande aufzuhalten, daß jene Forderung gerade dem elementarsten Grundsätze der Moral und Gerechtigkeit widerspricht, nach der ein Kläger nicht zugleich Richter sein kann. Aber den Führern der Entente wird eben gar nicht vor ihrer Göttähnlichkeit bange. So blasphemisch es klingt: sie beanspruchen für sich das gleiche Recht, das wir nur der Gottheit zuzuerkennen gewohnt sind, die allein in einer Person Kläger, Zeuge und Richter ist. Zur Zeit, da diese Zeilen geschrieben werden, steht es noch nicht fest, wie der Widerstand Deutschlands zu einem Erfolge führen wird. Sehr wahrscheinlich, daß die ganze Auslieferungsfrage von vornherein als eines der Mittel gedacht war, um offene oder verhüllte Annexionen, die man auf geradem Wege zu fordern sich scheute, weil sie mit den stets verkündeten Kriegszielen in krassen*