Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292998--04028-2297310- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erziehungsfrao-en. 91 werden muß, kann gesagt werden. Entfernen müssen wir uns von den Scheinwerten: Glanz und Sentimentalität und den Verlogenheiten, erheuchelten Gefühlen und unsittlichen Faktoren. Suchen müssen wir den Ernst, das Dauerhafte, die Seele des Mitmenschen, die jüdische Weihe der Muße. Etwas, was der Beruf nicht ganz gewähren kann, soll die Geselligkeit geben: von Vorteilsstreben freie, von Gefallsucht entfernte, über sexuelle Listen erhobene Gemeinschaft. Deshalb muß sich die jüdische Geselligkeit fern halten vom Sklavendienst vor der Tagesmode, wenn ich auch andererseits kein Verdienst darin erblicke, alles Zeitgenössische zu verachten oder zu ignorieren. Das Problem wird nicht durch das Bestreben gelöst, anders zu sein als die Umgebung, sondern nur wahr und jüdisch ohne Rücksicht auf das Gebot der Gegenwart. Um deutlich zu sein — denn hier ist der Angelpunkt und ja auch die Verbindung mit unserem Thema — die Gesellschaft soll nicht im Dienst der Ehevermittlung oder, was schlimmer ist, der Unzucht stehen, sondern soll durch die Kräfte, die nur edle Gemein- Schaft in Mußestunden entbindet, das Volksleben bereichern, die produktiven Kräfte anregen und die rezeptiven beschenken. Es muß in der Gesellschaft nicht viel gesprochen werden, es dürfen auch lange Pausen sein in der Unterhaltung. Nur das Auge sei offen und wach die Seele. Das Mahl darf nicht üppig sein und nicht zu weich das Polster. Auf schlichtem Grund sollen sich schlichte große Gedanken erheben, immer verankert in unseres Volkes göttlicher Aufgabe. Kein Zwang zur Geistreichelei, nur Wahrhaftigkeit, Vertiefung, die mancher nicht im Leben gewinnen kann, mag er in solchen Stunden erringen, wenn er die Struktur menschlicher Seelen erkennt, die ihm sonst verborgen bleibt. So erhebt sich auch hier die Aufgabe, von früher Jugend auf den Hauch der Reinheit auch in das Zusammenleben von Freunden zu bringen. Abgesehen davon, daß von hier aus positiv geadelt werden kann, ist die Abweisung des Obszönen und des der Sexualethik Feindseligen der größte hier zu leistende Dienst. So gilt es, an allen Stellen — denn überallhin wirkt das Geschlechtliche — den Läuterungsprozeß zu inaugurieren. Das Ergebnis wird die Rückkehr zum jüdischen Reinheitsgedanken sein.