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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 90

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 90 (sequence 90)
Language
German
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90 Erziehungsfragen. unserer Zivilisation. Im Grund genommen, ist wohl mancher von diesem Treiben ebenso wenig befriedigt, wie von dem wilden Hastet! des Berufslebens, das in Wahrheit nur wenige wilde Menschen lieben. Aber das ist das Merkwürdige: alle werden fast widerwillig in den Strudel gezogen und kommen nicht wieder frei. So ähnlich ist es mit dem gesellschaftlichen Leben. Selbst die, welche seine Hohlheit erkennen, pflücken lieber im Vorübergehen einige ihrer wurmstichigen Früchte, als daß sie bereit wären, mit all diesen Unwahrheiten zu brechen, und schöpferisch eine neue Form zu bilden. Dann wird auch die tödliche Langeweile schwinden, die die besseren Elemente nicht los werden. Tatsächlich lauert 1m Hintergrund ständig die Sphinxgestalt der Erotik, alle umgarnend. Ihr dient die Unterhaltung, das Wort und der Blick. Erfolge zu erzielen, strebt der Mann, zu gefallen, das Weib. Vielleicht ist dabei die natürliche Bestimmung des Menschen mitverantwortlich. Aber das ist das Entsetzliche, das Dekadente an unserer Zeit und ihrer Gesellschaftsstruktur, daß aus einen! mächtigen Trieb ein allbeherrschender Tyrann geworden ist, den! alles unterworfen ist. Wenn heute über Kunst und Wissenschaft mit der berühmten Oberflächlichkeit gesprochen wird, ist das nur eine neue, etwas verhüllte Gelegenheit, dem Erotischen zu frönen. Diese Entartung hat bis tief in unsere Reihen Platz gegriffen, und das jüdische Haus entweiht. Hier hat eine Reform an Haupt und Gliedern zu beginnen. Man muß den Mut haben, lieber die einem anvertrauten jungen Menschen von den Stätten des flachen Flirts fernzuhalten und ihnen, wenn auch noch so primitiv, eine gesündere Gesellschaftskultur aufzubauen. Es muß eine anerkannte Wahrheit werden, daß die subtilste Aesthetik ein sittlich morsches System nicht existenzberechtigt macht, und gerade die Befürworter wahrer* Liebe müssen in der Verbannung von Tändelei und Schäkern eine* Wegbereitung ihrer Ziele sehen. Hier ist es schwerer als sonst, eine Aenderung anzugeben. Denn die neue Form der Gesellschaft kann ja erst aus dem Zusammenleben der Gleichgesinnten geboren werden; nur empirisch ist ihr Charakter feststellbar. Auch will ich nicht die Bewegtheit und das Erfülltsein des Lebens durch nackte arme Worte lähmen. Nur was vermieden, was gesucht

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