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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 87

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 87 (sequence 87)
Language
German
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Erziehung־sfrag־en. 87 lieh ohne sich selbst zur Moral verpflichtet zu fühlen; denn die Moral war für das Vo־lk; so wollte es die alte Allianz von Thron und Altar. Denn was wurde beispielsweise durch das Verbot der Kasernierung in Berlin erreicht? Eine wilde vagante Prostitution kam auf und trug den Schmutz in alle Gassen. Nein, mit einem Polizeidekret läßt sich dieses Erbübel der Menschheit nicht ausrotten. Seine Ueberwindung setzt eine weit und mit Erfolg durchgeführte Sexualpädagogik voraus und erfordert eine großzügige Sozialpolitik, die das Elend zu tilgen sich bemüht. Uns interessiert ja wesentlich der Anteil jüdischer Frauen au der Prostitution. Dies Thema ist mit besonderer Lebhaftigkeit seit dem Weltkrieg erörtert worden; doch sind die ihm zugrunde liegenden Verhältnisse wesentlich älter, wenn auch zugegeben werden muß, daß seit dem großen Krieg sich der Jammer vermehrt hat. — Meine Erfahrungen sind nicht besonders umfassend auf diesem Gebiet. Doch habe ich aus meiner Ortsarzttätigkeit noch gut in der Erinnerung, daß die Teilnahme der Jüdinnen nicht erschreckend groß war. Ich muß trotz aller Verfehlungen von Töchtern unseres Volkes die Beschuldigung zurückweisen, als ob sie sich in besonderem Maße schuldig gemacht hätten. Diese Anklage klingt besonders zynisch und verdächtig im Mund genußsüchtiger Männer, die für ihre Person auf nichts verzichten und einen Stein auf unsere Schwestern im Osten werfen wollen. Ais Erinnerung an zwei erschütternde Erlebnisse in Rumänien lebt in mir das Bewußtsein, daß es theoretisch so leicht ist zu predigen und zu tadeln. Erst Aug in Aug mit dem Elend und Schmutz packt einen der Menschheit ganzer Jammer. Ich sah nämlich in der lebendigen Wirklichkeit, was die kalten Richter nicht sahen, den Schlund der Not, in dem solch beklagenswerte Frauen sind. Und ich weiß: wenn irgendwo in größerer Zahl jüdische Frauen gegen das Erbteil der Sittenreinheit verstoßen, dann ist es doch meist der gräßlichste Hunger, der dazu treibt. Und deshalb ist wieder das laute Gebot, das wir vernehmen müssen, das insbesondere den Reichen in die Ohren klingen muß: nehmt die Not von unsern Armen. Wohl weiß; ich, daß das Problem nicht so einfach 1liegt, daß vielmehr auch sitS licher Verfall unsere Reihen, auch die der Besitzenden ergriffen

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