Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292998--04020-2297302- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erziehung-sfragen. 83 Wahrscheinlichkeit annehmen, daß er das Joch der Enthaltsamkeit auf sich nimmt. Ja, nur von dem kann man mit Rücksicht auf sein Ziel sagen: טוב לגבר כי ישא עול בנעוריו• Und so ersteht ein neues Gebot für die Erziehung: lehrt Eure Kinder wahre Liebe erwarten und suchen. Nicht weckt den Sinn für Erotik und sexuelle Spannung. Aber pflanzt in ihr Herz die Sehnsucht nach Liebe. Liebe, die man gibt und man empfängt. Und laßts den reifen Jüngling wissen — denn er ist schon wissend — daß nur ein reines Weib Gegenstand solcher Liebe und Quell solchen Segens sein kann. Sprecht von dem Segen dieses Sichfindens. Laßt die Augen Eurer Kinder offen sein, nicht um Nahrung für das Auge zu finden, sondern um die Seele zu erspähen, die Gott für jeden bestimmt hat. Nicht um ein Weib zu finden, soll der Jüngling ausziehen auf den Weg. Sondern mit der Sehnsucht und dem raschen Blick, wenn irgendwo die ihm Zugedachte w*eilt. sie zu erkennen und nicht an ihr vorüberzugehen. Es ist am schwersten, hier Worte zu sagen. Denn hier sollte alles unausgesprochen bleiben. Und könnte es auch; aber doch nur für ein gesund erzogenes Geschlecht. Unserem:, das in falscher Bewertung der Lebensgüter, in der Verwechslung des eigentlichen Lebensschatzes mit den edlen Beigaben des Lebens, groß geworden ist, müssen die Augen geöffnet werden. Es soll wieder erfahren, daß der Weg der Sittlichkeit zugleich der der Schönheit ist, und daß auf ihm größere, ja sogar ergreifendere Erlebnisse uns zuteil werden, als sie in der erotischen Literatur durch ungesunde Phantasien uns vorgegaukelt werden. Ich bin mir bewußt, mit diesen Gedankengängen in Wider- Spruch zu den durch den Brauch geheiligten Gewohnheiten zu treten. Doch scheint mir das kein Grund zum Schweigen. Nur in wenigen Fällen hat die bisherige Praxis der Eheschließung sich durch den Erfolg gerechtfertigt, und die relativ große Zahl sogenannter glücklieber Ehen schließt nicht aus, daß eine Steigerung des Glückes möglich wäre. Denn im Grund genommen herrscht in den meisten Häusern sehr viel Prosa, wns vielleicht dieHarmonie der genügsamen Gatten nicht stört, aber doch dem Haus den Segen jener Lichtfülle und poesiegetränkten Atmosphäre versagt, die das jüdische Haus zu dem geweihtesten Tempel gestalten könnte. Nicht