Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 80

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 80 (sequence 80)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2292929-2292996-2292998--04017-2297299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

80 Erziehungsfragen. gegenüber das entwickelte Programm unserer Moral rechtfertigen zu können. Denn rein denkmäßig lassen sich wohl alle unsere' Forderungen auf das Mitfühlen und die Bewahrung des Mitmenschen vor Schaden zurückführen. Zur Erweckung unserer Forderungen ist die Driesch'sche Grundlegung zu der Ethik zu matt, aber wenn es sich darum handelt, die Verankerung der Sexualmoral zu gewährleisten, so mag diese kahle, nüchterne Zuordnung zur Ordnungslehre zugestanden werden. Kein Logiker wird uns nun verwenren können, dieses System allseitig zu stützen und mit dem Pathos opferwilliger Gesinnung zu erfüllen. Uns liegt tatsächlich auch an der philosophischen Annehmbarkeit ebenso wie an der praktisehen Erfüllbarkeit. Auf einen wertvollen Bundesgenossen will ich in diesem Zusammenhang hinweisen, dessen sexualethische Größe umso rühmenswerter ist, als wir ja manchen Schriftsteller haben, der die Gefahrlosigkeit der Abstinenz zugibt.9) aber kaum einen, der sier mit Nachdruck und Ueberzeugungskraft predigt: Björnstjerne Björnson hat mit der Leidenschaft seiner großen Seele Keuschheit von Jüngling und Jungfrau geheischt und die wirkliche Monogamie als Ideal aufgestellt. (Wir haben ja in Europa im Gesetz die Ein■־ ehe, tatsächlich aber leben die wenigsten Männer monogam; so sagt auch Schopenhauer (Parerga und Paralipomena, über die Weiber): Die meisten Männer leben einen Teil ihres Lebens, manche immer in Polygamie. Das Bedeutsame ist, daß Björnson das Postulat der Einehe auch aufrecht hielt, als er mit der Kirche gebrochen hatte. So ist es von Interesse zu hören, daß er Deutschlands Sieg 1870-71, solange er gläubig war, der größeren Religiositat, später, als er sich vom Christentum entfernt hatte, der relativ größeren Sittenreinheit und ehelichen Treue der Deutschen zuschrieb10) (nach Georg Brandes: Moderne Geister.) In dichterischer Kraft ist der Ruhm der Sittenreinheit im Drama ,.Der König“ besungen, wo einerseits der Stolz der Clara Ernst, 9) Sie sind bei Goslar R. c. genannt. 10) Nach den Erfahrungen des Weltkrieges scheint mir das eine Täuschung oder es müßte sich die Moral gelockert haben. Aber nicht darauf, nicht einmal auf die Berechtigung dieser geschichtlichen Betrachtungsweise kommt es an sondern auf den hohen Standpunkt des großen nordischen Dichters, der uns dadurch so־ lieb wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.