Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292998--04011-2297293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 Erziehung-sfragen. Gebiet der venerischen Erkrankungen. Als die Bemühungen des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten einsetzten und man in der Aufklärung über das Wesen und die Gefahren der Geschlechtskrankheiten durch Theateraufführungen (״Die Schiffbrüchigen“ ein häßliches Stück!), durch Ausstellungen, Vorträge und Propagandaschriften das größte Heilmittel gefunden zu haben glaubte, war mancher skeptisch. Ich teile den Zweifel bis zu einem gewissen Grade, insbesondere was die Wirkung auf den Mann angeht. Die Genußsucht und Brutalität, die die Mehrzahl der Männer erfüllt, ist so groß, daß sie vor Gefahren nicht halt machen; so haben wir jetzt einen Gipfel in der Statistik der Geschlechtskrankheiten, der an die trübsten Zeiten gemahnt. Aber es ist mir auch gar nicht zweifelhaft, daß man nur Teilarbeit geleistet hat, wenn man die Gefahr der luetischen und gonorrhoischen Infektion beschworen hat. Ja, ich möchte den Satz prägen: wenn alle Ansteckung ausgeschaltet wäre, dann bliebe das sittliche Problem ln seiner Isoliertheit übrig; dann müßte erst der Mensch im Mann- Tier geweckt werden.8) Anders jedoch bei der Frau. Ich glaube, ihr würde das Wissen um die Gefahren, wenn auch nicht Immunität, so doch relativen Schutz gewähren gegen das Unterliegen, Wüßte sie, daß sie in der Mehrzahl der Fälle viel mehr Liebe gibt,, als sie empfängt, daß ihr, die im Augenblick an Dauer glaubt, selbst in der Stunde des Genusses selten gleiches zugedacht ist, daß sie ferner an Infektionen infolge ihres Körperbaues und des Krankheits- Verlaufes viel schwerer zu tragen hat, dann würde sie gewiß ihren ganzen Widerstand in der Stunde der Versuchung sammeln. Die Mahnworte, also die ethische Unterweisung an Jüngling und Jungfrau hat Goslar gefunden; sie müssen wecken und läutern. Die Pflicht der Familie und dem Volke gegenüber, das sich verjüngen soll, kündet er in lauteren Worten. Spricht auch über die Urteile von bedeutenden Aerzten und Hygienikern, die die Abstinenz gutheißen, sucht und nennt die Mittel, um das Krankhafte des langen Alleinseins zu überwinden. Auch der Tadel, der unsere geseilschaftliche Kultur, die Erotik allen Verkehrs zwischen den Ge- 8) Ähnlich Förster 1. c. In diesem Sinne bezeichnet er Unsittlichkeit als״ die schlimmste Geschlechtskrankheit.