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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 73 (sequence 73)
Language
German
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Erziehungsfragen. 73 liehen. Schönheit muß walten rings um das Kind. Die Ideale der Lauterkeit, Menschenliebe und Beherrschtheit der Leidenschaften müssen den Raum erfüllen, in dem die Kindheit, die Jugend des jüdischen Kindes sich abspielt. Und auch das muß früh vor seinen Augen stehen, daß körperliche Genüsse nicht bestehen können vor dem Geistig-Sittlichen. Diese Reinheit der Atmosphäre ist nicht so sehr von dem Grad des Wissens als der Gesinnung abhängig, und so kann ja glücklicherweise oft des Handwerkers Hütte das Herrenhaus des Reichen beschämen. Wenn die sachliche Belehrung bereits dem Kind zuteil wird, so bleibt nach dieser Richtung für die in die Jahre der Reife eintretenden Jünglinge und Jungfrauen nicht viel zu tun übrig. Fre!- lieh ist jetzt die Zeit gekommen, das Wissen um den Bau und die Funktionen der Sexualorgane, ganz besonders aber deren Hygiene zu vertiefen. Wie die Dinge heute liegen, ist sogar noch viel zu leisten. Denn trotz aller unheimlichen Frühreife und dem Beginn des Geschlechtslebens auf der Oberstufe der Schule7) ist das eigen!- liehe Wissen nicht übermäßig imposant. Insbesondere gelten die Kenntnisse des weiblichen Geschlechts allgemein als erschreckend gering. Darin liegt eine große Gefahr. Wenn ein reifer Mensch seinen Organismus nicht einmal in großen Zügen kennt, so kann seine Naivität ihm sehr leicht zum Fallstrick werden. Völlig ununterrichtet aber sind viele Frauen über Hygiene und Pathologie des Sexuallebens. Nur um nicht als schwach zu erscheinen, setzen sich viele über die Grenzen hinweg, die Menstruation und Gravidität ziehen. Schlimmer aber ist die Ahnungslosigkeit auf dem ל) Das ist keine Seltenheit und muß umsomehr betont werden, als man sich dieser Tatsache gern verschließt. Selbst der Prozentsatz der Geschlechtskranken ist nicht gering. Daß auch Mädchen vorzeitig sich oft hingeben, ist wohl eine noch unangenehmere Kunde, läßt sich aber nicht verheimlichen. Von Proletarierkreisen sehe ich hier ganz ab; mir ist glaubwürdig versichert worden, daß in der guten Gesellschaft (christlichen) Keuschheit eine seltene Blume wird. Leider hat uns die Schicht der entwurzelten Juden auch vor dieser Schmach nicht bewahrt. — Im Kriege konnte man solche Erfahrungen gewinnen. Dort decouvrierten sich so viele Männer ohne Vorbehalt: dabei fiel auch Licht auf die Sexualität des Weibes. Ich will hier übrigens bemerken, daß in keiner Hinsicht so sehr Männer zum Beichten aber auch zur Lüge und Selbstverherrlichung neigen wie im Geschlechtlichen. Da will jeder ein Held sein, jeder Genuß ein Sieg. Ich glaube, daß Menschen, die in keiner Hinsicht etwas leisten, jedenfalls hier glänzen wollen, um Selbstachtung haben zu können. Kann man kein Galilei :sein, so doch mindestens ein Casanova.

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