Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Erziehungsfragen. spreche, denke ich nicht an materiell gesicherte Kreise, die so beschränkt oder leichtfertig sind, daß sie, um einen Salon zu besitzen, lieber den Kindern ein eigenes Zimmer rauben; es lohnte sich nicht, um deretwillen soviel Aufwand zu machen. Nein, um das Heim unserer Armen und Aermsten geht es, die nicht in der »Lage sind, den Kindern einen eignen Raum zu geben. Dort, wo die drückende Not als Hausgenossin weilt und sich an Tisch und Bett drängt, ersteht das soziale Problem der sexuellen Gefährdung in seiner erschütternden Tragik.6) Aber auch als furchtbare Anklage! Lindert die Not der Armen, wenn schon nicht aus Mitleid mit dem einzelnen, der leidet, so doch im Interesse der moralischen Gesundheit unseres Volkes. Ihr alle, die ihr an der Zukunft Israels baut oder zu bauen vorgebt, vergeßt nicht über Ehrgeiz und Politik das nächstliegende Aufgabengebiet: das Wohnungsproblem ist hier nicht nur ein volkshygienisches, sondern ein sexualethisches Gebot. Das ersteht für das Galuth und unsere ewige Heimat. Laßt keine Gelegenheit vorübergehen, um hier zu sanieren. Groß wird die Ernte dieser Saat sein, von weittragender Dauer. Ein sexualethisch gesunder Mensch verbürgt doch mit einiger Wahrscheinlichkeit viele Generationen gleichgerichteter Menschen, Furchtbar aber kann das Ergebnis sein, wenn in großer Zahl junge Früchte wurmstichig werden. Ich glaube, diese Erörterung ist gar nicht so theoretisch, sondern hat höchst konkreten Boden und sehr realen Gegenstand. Ich kann den Eindruck nicht loswerden, daß gar mancher Führer diese Angelegenheit in ihrer Bedeutung ^verkennt. Daß man in Gegenwart von Kindern, insbesondere solchen, •die bereits derPubertät sich nähern,sich aller schlüpfrigen und unwürdigen Aeußerungen enthalten sollte, das müßte eigentlich überflüssig der Erwähnung sein. Dennoch muß es ausgesprochen werden. Des Kindes gedeihliche Entwicklung verlangt Höhenluft, eine reine Atmosphäre ohne die Nebel des Obszönen. Und selbst wenn es den schmutzigen Witz nicht versteht, den Schmutz fühlt es heraus. Doch ist noch nicht genug mit dem Vermeiden des Häß- 6) Literarisch ist dies Thema in seiner bekannten Schonungslosigkeit von Zola in ״Germinal“ behandelt worden. Die traurigen Folgen: Schamlosigkeit, frühe sexuelle Gemeinschaft finden hier ergreifende Gestaltung.