Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Erziehungsfragen. 71 Ahnen, als Erfüllung wohl dem Mann und dem Weib. Wollte man das Kind diesem Klang aussetzen, so möchte es vielleicht sein, daß es keine Harmonie hört; wenn es edel ist, klingt er vielleicht schrill, eine Dissonanz. Und ist es nicht rein, so hört es nur die Taste der Lust. — Das sexuell noch nicht differenzierte Wesen soll nur das Tatsächliche in allgemeinen Umrissen und das an dem Effekt haftende Ethische erfahren, nicht die den eigentlichen sexuellen Akt, losgelöst von seiner Bedeutung für das entstehende Leben und die Träger des Sexuellen erfüllenden Gefühle. In den spärlichen Arbeiten, die von jüdischer Seite dem Sexualproblem gewidmet worden sind, fehlt meist der Hinweis darauf, daß es auch ein soziales Problem einschließt, von medizinischer und pädagogischer Seite ist schon darauf hingewiesen worden. Da gerade diese Seite auch für uns seine Bedeutung hatr will ich nicht daran Vorbeigehen und die Aufmerksamkeit unserer Kreise diarauf lenken. Es geht um folgendes: in den proletarischen Familien entsteht die Gefahr vorzeitiger und in falsche Bahn gelenkter Erweckung der geschlechtlichen Kenntnisse, durch das zu enge Zusammenleben insbesondere durch die Gemeinsamkeit des Schlafzimmers.5) Dies sollte ein Heiligtum sein, seinen Priestern d. h. dem Elternpaar aber ganz besonders auch den Kindern. Es bedarf keiner Detailmalerei. Es ist selbstverständlich, daß selbst ein nicht durch Kameraden irregeleitetes und ׳instruiertes Kind allmählich unbestimmt aber doch unabweisbar erkennt, daß hier ein Mysterium waltet, das der Ergründung wert ist Und in demselben Maße wie ein in geeigneter Weise aufgeklärtes Kind gerade durch die Kenntnis von der Art der Mutterschaft seine Liebe und Verehrung zu verdoppeln lernt, wird der Respekt abnehmen, wenn es zum Zeugen der elterlichen Gemeinschaft wird. Wenn ich davon 5) Es ist nicht ganz leicht über diesen Gegenstand zu schreiben, da es• eine alte Tradition ist, ihn verhüllt zu lassen. Aber ich glaube der Ernst der Angelegenheit fordert einen auf, mit diesem unangebrachten Brauch zu brechen: und dem sittlichen Wohl der Jugend zuliebe zu sprechen. Vielleicht wird es als unpassend empfunden, daß gerade ein junger Autor den Schleier abhebt. Aber die Alten schweigen — und wir haben alle zu sehr unter dem Mangel an Führung gelitten, als daß wir nicht den Wunsch hätten, anderen den Weg zu erleichtern. Übrigens habe ich immer wahrgenommen, daß Prüderie und wirkliche Sittlichkeit im ungekehrten Verhältnis stehen.