Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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62 Erziehungsfragen. oder deren Inhalt weder zur Anknüpfung noch zur Kontroverse Anlaß gibt. Ich will hier nur als jüdische Arbeiten die von Preuß (Biblisch-Talmudische Medizin), Wohlgemuth (Sittenreinheit)1) und Goslar (die Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt), als ein fundamentales Buch die Schrift von Förster Sexualethik und Sexual־ Pädagogik nennen. Letztere, die natürlich wissenschaftlich und ethisch besonders wertvoll ist, habe ich erst nach der ersten Nieder- Schrift dieses Aufsatzes gelesen. Da in vielen wesentlichen Punkten Försters Gedankengänge die meinen vorwegnehmen, da Försters Buch über die Erziehungsfrage hinaus eine Kritik der Sexualmoral der Männer und Frauen in und außerhalb der Ehe anstrebte — ein Unternehmen, das ich aus mancherlei Gründen vorläufig unterlassen muß — brauchte ich nicht viel zu ändern. Manches, was unser Thema zu vertiefen geeignet ist, habe ich noch später eingefügt Generell mag an dieser Stelle gesagt sein, daß Förster fast in allem Gefolgschaft'verdient. Nur hat er die Höhe der Sexualethik allzu sehr an die christliche Kirche geknüpft, als ob erst sie eine erhabene ethische Auffassung von dem Geschlechtsleben in die Welt gebracht habe. Er verkennt offenbar die bereits außerordentlich subtile und zur Höhe entwickelte Sexualethik des Judentums2). Ebenso sehr, wie er die Bedeutung der Heiligen, des Mönchwesens und des Cölibats überschätzt. Ueberhaupt habe ich den Eindruck, daß er, um Sittenreinheit zu erzielen, den Wert gerade der erotischen Komponente doch etwas zu niedrig ansetzt. Uebrigens hält es schwer, gerade der christlichen Ethik eine so überragende Beeinflussung des Geschlechtlichen und der Reinigung des Ehelebens zuzuerkennen. Der ehefeindliche Charakter mancher Urchristen ist doch eine zu schwerwiegende Angelegenheit. Uns will scheinen, daß eine wirkliche Hebung und Sanierung sexuellen Lebens doch nur von einem religi- Ösen System ausgehen kann, das in der Ehe nicht nur ein notwendiges Uebel erblickt, sondern ein erhabenes Institut, das keine 1) Wohlgemuth, Jeschurun IV. 2) Dabei erwähnt Förster selbst bei Gelegenheit der Unschädlichkeit der sexuellen Abstinenz die Enthaltsamkeit breiter Kreise des frommen Judentums im Osten als der einzigen Gruppe, die in größerer Zahl praktisch das sexualethische Ideal erfüllt. Ist ihm nicht aufgefallen, warum gerade im Judentum, u. z. dem dem religiösen System treuem Teil, diese Forderungen sich realisiert haben?