Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2292998--03993-2297275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 Aus dem Leben der Schule. Sünde des Menschen von Adam her gelehrt und ihre Sühnung von einem übermenschlichen Erlöser abhängig gemacht hat, dessen Leiden freilich nur für diejenigen wirken könne, die an die Göttlichkeit dieses Schöpfers der Menschheit glauben. Der Gegensatz dieser Dogmatik zu dem Grundzug Lessingscher und Goethescher Lebensanschauung, dem Glauben an die erlösende Kraft reinen Menschentums, überhebt uns jedes Wortes der Kritik. Selbstredend lassen wir aber unsere Schüler erkennen, daß auch auf dem Boden einer von uns wie von den edelsten Geistern Deutschlands mißbilligten Dogmatik die Blüte edelster Frömmigkeit erwachsen konnte; etwa Annette von Droste-Hiilshoff mag ihnen einen Begriff geben von katholischer Frömmigkeit und jenem ״sauersüßen Dufte“, den Nathan der Weise (III I) im Garten seiner Recha nicht wünscht, und der doch strömt aus der Blume echter Gottergebenheit, einer Ergebenheit freilich, deren leidender, quietistischer Grundzug im Gegensätze steht zu derjenigen, zu der das Judentum uns erzieht. Meine Schülerinnen haben den Unterschied selbständig herausgefunden; ich komme bei der Besprechung des systematischen Religionsunterrichts auf unsere Unterhaltung über den Gegenstand zurück. Manche Einzelheiten aus dem Leben der jüdischen Schule, etwa aus dem Grammatik- und Aufsatzunterricht, möchte ich hier übergehen. Denn mir lag weder an der Schilderung ihres eigenartigen Lebens noch wollte ich ein Votum zur Schuldfrage überhaupt abgeben; nur das Ziel wollte ich bezeichnen, dem jede jüdische Er׳ Ziehung zustreben soll: ihre Schüler zu geschlossenen Persönlichkeiten heranzubilden auf Grund einheitlicher Verarbeitung cfes Kulturgehalts ihrer Zeit. Ich wollte zeigen, in welcher Weise die Auseinandersetzung mit den dem gebildeten Deutschen am nächsten liegenden Kulturelementen sich vollziehen kann und daß sie an (einer jüdischen Anstalt nicht weniger leicht, sondern erheblich leichter möglich ist als an einer anderen. Darüber freilich kann kein Zweifel bestehen, daß es das deutsehe Judentum nur sehr selten zu solchen einheitlichen Persönlichkeiten gebracht hat, wie wir sie bilden wollen. Und es ist be*