Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Leben der Schule. 55 eine solche Ethik imstande ist, Familie, Wirtschaft und Staat nach den Grundsätzen einer idealistischen Lebensanschauung aufzubauen. Von hier aus begreifen sich leicht die Verwickelungen im neuzeitlichen Christentum:14) die einen suchen abseits von der Bibei, etwa in einem idealisierten Griechentum, ihre geistigen Füllrer; die anderen stehen vor;der Wahl (Björnson schildert׳ die Qualen dieser Entscheidung ergreifend im ersten Teil von ״Ueber die Kraft‘0, entweder sich zu ״verheben“ an Forderungen, die für eine ganz eigenartige Zeit, vielleicht sogar ursprünglich nur für einen kleinen Jüngerkreis, gestellt waren, oder das Christentum derart der Zeit anzupassen, daß es zu deren ethischer Reformierung Eigenwert und Autorität verliert. Nochmals: das sind Ge־ dankengänge, die meines Erachtens an jeder höheren Lehranstalt je nach Reife der Schüler in der Hauptsache klargemacht werden könnten, wenn auch an der jüdischen Schule die moderne Ent- Wickelung des Christentums im Zusammenhang mit der Lebens־ anschauung der Klassiker oder bei der Besprechung deutscher Prosastücke weit anschaulicher geschildert werden kann. Auch Erscheinungen, wie Mönchtum und Pietismus, werden hier im Ge־ schichtsunterricht nach ihren Licht־ und Schattenseiten besprochen , werden können und müssen. Vor allem aber wird der Lehrer bei der Besprechung Luthers eingehend auf Paulus zurückgreifen, den dieser erneuert (während an der allgemeinen Lehranstalt im Religionsunterricht der Begründung des christlichen Dogmas wohl eine besondere, kurze Betrachtung gewidmet werden mag). Er wird zeigen, wie Paulus, dieser eigentliche Begründer des Christen־• tums, im Gegensatz zu Jesus, den er ja nie gesehen hat, die Erl־׳ 4ו) Ein liberaler Rabbiner machte allerdings vor einigen Jahren einmal den Vorschlag, den Primanern das Christentum ausschließlich in seiner dogmatischen Ausprägung vorzuführen und die neuere Entwicklung zu übergehen, während er das Judentum in seiner eigenen sehr ״fortgeschrittenen“ Auffassung darstellt. Eine solche Übertragung Harnackscher Methoden auf den Boden unseres Religionsunterrichts ist vor Schülern, d^e deutsche Klassiker und deutsche Lehrer kennen, ebenso töricht wie sie unwahrhaftig ist. Wie ganz anders polemisierten unsere Alten gegen das Christentum, das ihnen sowohl in seiner volkstümlichen wie in seiner wissenschaftlichen Darstellung genau bekannt war: etwa ein Saadia, der es ausdrücklich ablehnt, die Lehre von der Dreieinigkeit in ihrer populären Fassung zu bekämpfen, sondern nur die schwerere, aber nötigere Aufgabe löst, ihre philosophische Deutung zu widerlegen.