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Jeschurun · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1920) · p. Seite 54

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
7 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 54 (sequence 54)
Language
German
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54 Aus dem Leben der Schule. gehend, an jede fremde glaubt anlegen zu dürfen. Auch für das Verständnis der Kunst (nicht nur der bildenden, sondern auch z. B. des modernen Weltanschaungs- und Gesellschaftsdramas) ist die Kenntnis des Christentums, seiner Wurzeln und seiner neuzeitliehen Ausgestaltung, unerläßlich, namentlich für die uns als Juden stark angehende Frage, inwieweit die Angriffe gegen das Christentum die Religion überhaupt treffen. Und doch müssen wir ehrlich zugeben: wie Gutzkow und Frey lag Juden gekannt haben, aber nicht ihre Religion, so kennt ein sehr großer Teil von uns zwar Christen, aber nicht das Christentum. Das liegt an dem Religionsunterricht, der den Schülern über Sadduzäer, Karäer und Sabbatianer mehr erzählt als ihnen lieb und nötig ist, an derjenigen Sektenbildung aber, die in ihrem Gesichtskreis die weitaus größte Bedeutung erlangt hat, in der Regel mit respektvollem Schweigen vorübergleitet. Denn ein paar apologetische Bemerkungen sind kein Ersatz für eine geschichtliche Behandlung. Eine solche ist m. E. an jeder höheren Schule (und erst recht natürlich an jeder Hoch״ schule) zu geben, weil sie durchaus zur allgemeinen Bildung im richtigen Sinne des Wortes gehört und im anderen Unterricht nicht vermittelt wird; an der jüdischen Schule werden sich Religions-, deutscher und Geschichtsunterricht in die Behandlung des Ge״ genstandes teilen. Der Unterricht in der jüdischen Geschichte wird das Urchristentum einstellen in die Stimmung seiner Zeit, in welcher ein ungeheurer politischer und wirtschaftlicher Druck und völlige Unsicherheit das Gefühl dumpfer Verzweiflung an allem menschlichen Können und allem natürlichen Geschehen, die gespannte Erwartung übernatürlicher Hülfe und die Verdammung allen natürlichen Begehrens erzeugte; solche Tendenzen und der Glaube an das unmittelbar bevorstehende Weitende führen zu einer Ethik, die mit ihrer Verwerfung jeder Freude an Familie und Besitz nicht nur (wie man das in jüdischen Kreisen so oft hört) schwer durchführbar, sondern garnicht wünschenswert ist. Unbeschadet der Wertschätzung des Zurückgreifens auf die reine Innerlichkeit des sittlich-religiösen Gefühls werden die Schüler ohne tendenziöse Apologetik einsehen, was das Christentum immer wieder im Laufe der Jahrhunderte hat erkennen müssen, wie wenig

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