Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Leben der Schule. 49 doch in der Geschichte des Judentums die größte Rolle gespielt hat, das ist jenes ideale Gut, das Israel mit hinübergenommen hat in die Leidensnacht des Exils und das es treu und eifrig sich zu bewahren verstanden hat: seine Lehre, seine Religion. Shakespeare konnte nicht ahnen, wie durch die Sabbathe und Feiertage ein reines und inniges Familienleben, wie es in der Welt nicht seines Gleichen hatte, in den engen Hütten der Judengassen erblühte und die dunkeln Ghetti zum Paradiese umwandelte: Er konnte nicht ahnen, wie der Jude, der eben noch draußen den Hohn und die Verachtung der Menge geerntet hatte, zurückgekehrt in sein ärmliches Heim, sich nun labte und erquickte an den Kläugen, die einst der Harfe des Dichterkönigs entströmt waren, oder sich aufrichtete an den Trostesverheißungen der Propheten, oder sich vertiefte in die verschlungenen Gänge einer talmudischen Diskussion, oder einem Religionsphilosophen folgte auf dem Wege zur Entscheidung der höchsten Probleme der Menschheit, und von der Höhe seines geistigen Lebens herabschaute auf diejenigen, die wohl seinen Körper, aber nicht seinen Geist hatten in Fesseln schlagen können/4 So braucht uns Shylocks Bild nicht zu beschämen. Es hält uns keinen Spiegel dessen vor, was wir sind, wohl aber ein Bild dessen, was wir hätten werden müssen, wenn wir unser religiöses Erbe nicht festgehalten hätten.10) 10) Gutzkows ״Uuriel Acosta“ verdient nach seinem dichterischen Wert durchaus keine Besprechung■ in der Schule. Haben es aber reifere Schüler gesehen und wünschen sie eine Auseinandersetzung mit dem Stück, so mag man ihm 2 bis 3 Stunden widmen. Man wird alsdann auch verlangen müssen, daß die keineswegs wertlose Novelle des Dichters ״Der Sadduzäer von Amsterdam“ gelesen ist, und wird darauf hinweisen, daß der Dichter in Wahrheit in beiden Werken sein eigenes Leiden infolge religiöser Zweifel darstellt. Die Novelle, in welcher Uriel wegen der Leugnung der Unsterblichkeit von seiner Braut verlassen wird, spiegelt Gutzkows Verhältnis zu Rosalie Scheidemantel; das Drama ist in der Mannheimer Kerkerhaft konzipiert, in welche er wegen seines Romans ״Wally die Zweiflerin“ geworfen worden war. Daher scheidet der Dichter in bewußter Abweichung von der Geschichte die Zweifel an der Unsterblichkeit völlig aus, wie überhaupt alles, was seinen Helden einem christlichen Publikum gegenüber unsympathisch machen, also die Unduldsamkeit gewissermaßen entschuldigen konnte. Der Tadel, der infolgedessen auf die Verfolger Uriels fällt, soll dann natürlich unwillkürlich auf diejenigen seines Dichters ausgedehnt werden. Das ist die Tendenz des Stückes; es hat vom Judentum, daß dem Dichter vorwiegend durch Täuflinge bekannt war, gewiß keine richtige Vorstellung; aber antisemitische Absichten liegen selbstverständlich fern.